Herr Müller-Peters, was ist das Riskanteste, das Sie heute gemacht haben?Ich bin mit dem Motorroller meiner Tochter ins Büro gekommen. Aber statistisch bin ich trotzdem auf der sicheren Seite, weil’s eine Ausnahme war.

Das müssen Sie gleich schon erklären!Wenn wir Verkehrsträger vergleichen, lohnt es, die Unfallhäufigkeit in Relation zu den insgesamt damit zurückgelegten Kilometern zu betrachten. Da ist das Motorrad deutlich gefährlicher als das Auto, das Auto wiederum viel gefährlicher als das Flugzeug, die Bahn oder der Bus. Je mehr Strecke ich auf dem Motorroller zurücklege, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen schweren Unfall erleide. Fahre ich den Roller aber nur ausnahmsweise, ist das Risiko deutlich geringer, als wenn ich damit täglich zur Arbeit pendele. So einfach.

Warum macht uns das Fliegen trotzdem mehr Angst als der Berufsverkehr?Das hat viele Gründe. Zum einen ist der Berufsverkehr uns vertrauter. Ein anderer wichtiger Grund ist, dass uns die Evolution nicht für den Umgang mit Wahrscheinlichkeit und großen Zahlen ausgestattet hat.

Große Zahlen überfordern uns?Eine „Million“ verstehen die meisten. Doch nur jeder Dritte weiß, was eine „Milliarde“ ist – nämlich tausend mal eine Million. Die „Billion“ versteht nicht mal mehr jeder Fünfte.

Was läuft da schief beim Denken?Das menschliche Gehirn ist im Grunde sehr leistungsfähig, wenn es um analytisches Denken geht. Es macht das aber nicht gerne. Stattdessen nehmen wir mentale Abkürzungen. Zum Beispiel fragen wir uns nicht, wie wahrscheinlich ist das? Sondern, wie gut kann ich mir vorstellen, dass so etwas passiert? Und das ist sehr davon geprägt, was wir in unserem Alltag oder in den Medien erleben. Im Fernsehen zum Beispiel sehen wir ständig Autounfälle, aber nur selten Herzinfarkte. Also überschätzen wir sehr stark die Zahl der Verkehrstoten und unterschätzen die Zahl der Toten durch Herz­-Kreislauf­-Erkrankungen.

Also sind die Medien an allem schuld?Ja und nein. Dass wir die Risiken des Alltags verzerrt wahrnehmen, ist ganz natürlich: Wir brauchen diese mentalen Abkürzungen, um überhaupt zu funktionieren. Gewohnheiten und unser Bauchgefühl führen uns ganz vernünftig durch 90 Prozent unserer Alltagssituationen. Wenn Sie heute morgen jede Entscheidung absolut bewusst getroffen hätten, wären Sie bis zum Mittag noch nicht übers Zähneputzen hinausgekommen. Wir müssen Informationen ausblenden. Die Medien fokussieren unsere Aufmerksamkeit wieder auf Ausnahmesituationen, das Sensationelle. Das verzerrt unser Bild von der Realität.

Haben Sie ein Beispiel für unsere verzerrte Wahrnehmung?Bleiben wir bei den Verkehrstoten: Da melden auch die Medien seit Jahren sinkende Zahlen. Aber jedes Jahr eben nur einmal. Dann nämlich, wenn die neue Statistik rauskommt. Aber wir nehmen jeden Tag Meldungen von Toten und Verletzten auf Deutschlands Straßen wahr. Entsprechend präsent haben wir die Bilder im Kopf, wenn die Frage nach den Verkehrstoten aufkommt. Dasselbe Phänomen gibt es bei Gewaltkriminalität: Obwohl die Zahlen zurückgegangen sind, glauben viele das Gegenteil.

Sie haben Erwachsene befragt, wie groß sie bestimmte Risiken einschätzen, und das verglichen mit der tatsächlichen statistischen Eintrittswahrscheinlichkeit. Wo liegen Angst und Wirklichkeit am weitesten auseinander?Absolut überschätzt wird Terrorismus. Dennoch bekommt er eine ungeheure Aufmerksamkeit – das ist ja auch das Prinzip dahinter. Trotzdem kann man das Risiko eines Anschlags in Europa eigentlich absolut vernachlässigen. Ähnlich falsch ist die Risikoeinschätzung in Bezug auf Flugzeugabstürze. In beiden Fällen gilt: Das Gefährlichste ist in der Regel die Anreise mit dem Auto – ob zum Flughafen oder eben zum Großevent.

Das Bauchgefühl sagt etwas anderes …Das hat auch etwas mit einem Kontrollverlust zu tun. Im Flugzeug liefere ich mich ein Stück weit aus. In der großen Menschenmenge ebenso. Im Auto meine ich dagegen, immer Herr der Lage zu sein. Was natürlich Quatsch ist. Aber diese Selbstüberschätzung betrifft auch andere vielfach unterschätzte Risiken.

Welche Risiken unterschätzen wir?Es gibt eine ganze Zahl von Alltagsrisiken, die in unseren Augen „nur die anderen“ betreffen. Das Risiko einer Scheidung, das Risiko der Berufsunfähigkeit, die Gefahr, alkoholsüchtig oder einer Straftat beschuldigt zu werden. All das sind Risiken, die wir vermeintlich selbst in der Hand haben. Und die in der Folge alle massiv unterschätzt werden.

Ist das Zufall, dass diese Szenarien auf Knall, Feuer und Sirenen verzichten? Im Gegenteil. Gerade diese „stillen Risiken“, die keine Schlagzeilen produzieren und kaum dramatische Bilder im Kopf provozieren, sind uns tendenziell fern. Plus: Wir denken, dass es uns schon nicht treffen wird, wenn wir uns doch nur richtig verhalten. Diese Einschätzung dreht sich massiv, wenn doch persönliche Erfahrung ins Spiel kommt.

Wenn ich also Alkoholismus oder Depressionen in der Familie erlebt habe?Genau. Dann schlägt die Fehleinschätzung des Risikos sogar oft ins Gegenteil um. Ich sorge mich zu sehr und überschätze mein persönliches Risiko.

Sind Männer oder Frauen besser in der Risikoabschätzung?Im Detail mag es da Unterschiede geben – aber die mentalen Mechanismen, die uns aufs Glatteis führen, sind evolutionär so stark im Menschen verwurzelt, das tut sich nicht viel.

Was brächte es mir überhaupt, Gefahren realistischer einzuschätzen?Zuallererst mehr Gelassenheit. Wir machen uns zu viele Sorgen! Und wir könnten deutlich rationalere Entscheidungen treffen, um tatsächliche Risiken zu minimieren. Um ein Beispiel aus persönlicher Erfahrung zu nennen: Da kommt ein Bus ohne Anschnallgurte, der die Kinder auf einen Schulausflug mitnehmen soll. Eine Handvoll besorgter Eltern protestiert, packt die Kinder wieder ins Auto und fährt nach Hause, bis ein Ersatzbus organisiert ist. Die Fahrten im Auto sind deutlich gefährlicher, als es die gurtlose Tour im Bus je gewesen wäre.

Wenn Wahrscheinlichkeiten uns überfordern – sollten wir Risiko dann nicht anders messen?Eine interessante Frage. Was schwebt Ihnen denn vor?

Vielleicht als Ampel? Grün für sorgenfrei, gelb für nun ja, rot für Achtung! Wir probieren’s mal: Terroranschlag!Grün, keine Sorgen machen!

Tödlicher Autounfall!Da wird’s schon schwierig. Das statistische Risiko ist gering. Aber ich sollte nicht so fahren, als gäbe es die Gefahr nicht. Wenn Sie regelkonform und vorsichtig fahren, brauchen Sie keine Angst zu haben.

Internetkriminalität!Da nimmt die Zahl der Fälle zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass man betroffen wird, auch. Also darf man sich ein bisschen sorgen.

Berufsunfähigkeit!Nicht sorgen, aber unbedingt absichern! Sie sehen schon, so ganz einfach ist das nicht.

Rechtsstreitigkeiten!Das unterschätzen viele. Wir sind alle Mieter, Arbeitnehmer, Autofahrer. Die Wahrscheinlichkeit, dort in einen Rechtsstreit verwickelt zu werden, ist deutlich höher, als viele denken. Aber ist die Sorge nun vergleichbar mit dem tödlichen Unfallrisiko? Da hilft die Ampel doch nicht weiter.

Sie lehren am Institut für Versicherungswesen. Was lernt die Branche aus Ihren Erkenntnissen?Sie würden sich wundern, wie oft auch Versicherungsprofis einem falschen Bauchgefühl erliegen, obschon sie die Zahlen sicher deutlich besser verstehen. Generell hilft es aber zu verstehen, wo und warum Versicherungsnehmer immer wieder irrationale Entscheidungen treffen.

Was für irrationale Entscheidungen?Ich frage meine Studenten oft, was ihr wertvollstes Gut ist: ihre Arbeitsfähigkeit. Damit werden sie ja ihr ganzes Leben und womöglich das ihrer Familie finanzieren. Trotzdem sind viele gegen kaputte Handy-Displays versichert, aber nicht gegen Berufsunfähigkeit.

Und was kann Otto Normalverbraucher lernen?Entspannen Sie sich! Lassen Sie sich nicht von Katastrophenmeldungen verunsichern. Auch bei Reisen gilt: Kriminalität und Straßenverkehr sind in den meisten Ländern gefährlicher als die Terroristen. Stattdessen sollte man lieber systematisch echte Alltagsrisiken anschauen: ob man zum Beispiel für den täglichen Arbeitsweg nicht lieber die Bahn als das Auto wählt.

Stimmt es, dass Sie mal mit Ihren Kindern über den Atlantik gesegelt sind?Ja.

Klingt gefährlich …Das haben unsere Freunde auch alle gesagt. Wir sind aber sogar mitten auf dem Atlantik geschwommen.

Ohne Angst vor Haien?Natürlich denkt man da kurz drüber nach. Auch dass es unter uns gerade gut 4000 Meter in die Tiefe geht. Aber richtig Angst hatte ich um meine Kinder erst, als wir wieder zu Hause waren. Als ich sie nämlich wieder im Kölner Berufsverkehr zur Schule schicken musste.

Horst Müller-Peters lehrt und forscht am Institut für Versicherungswesen der TH Köln. Er hat die Risikowahrnehmung von Bürgern in einer deutschlandweiten Befragung untersucht und mit tatsächlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten abgeglichen. Einen Selbsttest finden Sie unter www.kenn-dein-risiko.de