Fußball-Nationalspieler Marcell Jansen hat seine Karriere mit 29 Jahren beendet. Daggi Prüter sitzt mit 75 Jahren noch bei Edeka an der Kasse. Das Gipfeltreffen der Generationen offenbart tiefe Einblicke in unterschiedliche Lebenswege – die am Ende doch viel gemeinsam haben?

Frau Prüter und Herr Jansen, Sie haben beide etwas Ungehöriges getan … Marcell Jansen: Marcell, bitte!

Daggi Prüter: Dann bin ich die Daggi!

Okay, Daggi: Warum hast du mit 65 Jahren nicht aufgehört zu arbeiten, so wie es sich gehört?DP: Weil dann für mich alles zu Ende wäre. Ich könnte nicht mehr leben. Ich brauche die Arbeit. Beschäftigungen habe ich zwar genug, ich sticke, ich habe meinen Sport – bin ja eine Fußballbekloppte. Aber ich könnte nicht zu Hause ständig vor dem Fernseher sitzen. Ich muss raus. Und ich liebe meinen Job.

MJ: Wo arbeitest du denn?

DP: Dreimal die Woche arbeite ich als Kassiererin bei Edeka Niemerszein in Hamburg-Eimsbüttel. Da macht mir alles Spaß, die ganze Atmosphäre und die Kunden – die sind am wichtigsten.

Solange es geht, will ich weiter an der Kasse bei Edeka arbeiten

Daggi Prüter, 75

Wie hast du diese Stelle gefunden?DP: Ich war lange Geschäftsführerin eines Ladens für Strickmoden, aber das wurde immer schwieriger. Damals war ich 59 Jahre alt, und jeder sagte: In dem Alter findest du nichts Vernünftiges mehr. Da habe ich eine Nachbarin gefragt: Sag mal, sucht ihr bei Edeka jemanden? Ich bin bereit, fast alles zu machen, nur nicht auf die Knie runter, das schaff’ ich nicht mehr. Sie hat mit ihrem Chef gesprochen, dann habe mich vorgestellt und wurde sofort genommen.

Das ist jetzt 15 Jahre her. Warum hast du nicht mit 65 aufgehört, wie es sich gehört?DP: Weil es sich nicht gehört! Solange ich gesund bin, arbeite ich.

Daggi Prüter, 75, ist geborene Hamburgerin. Nach ihrer Lehre im Modehaus Sophia Szagun führte sie ein Geschäft für Versicherungsschäden und einen Laden für Strickmoden. Seit 2001 arbeitet sie bei Edeka Niemerszein in Hamburg-Eimsbüttel. Sie ist bei den Kunden so beliebt, dass sie sogar eine eigene Autogrammkarte hat. Daggi Prüter ist „seit über 50 Jahren fanatischer HSV-Fan“ und freute sich besonders darauf, einen langjährigen HSV-Spieler zu treffen.

Damit ist Daggi Prüter der Gegenentwurf zu dir, Marcell. Du hast ungehörigerweise nicht so lange ausgehalten, wie es ging, sondern deine Karriere als Fußballprofi schon mit 29 Jahren beendet.MJ: Na ja, eigentlich ticken wir ziemlich ähnlich: Klar hätte ich noch ein paar Jahre Fußball spielen können. Aber ich habe mich für die langfristige Perspektive entschieden. Ich will etwas aufbauen, das für die nächsten 30 oder auch 50 Jahre trägt.

Wann kam für dich der Punkt, an dem du dir sagtest: Ich kann auch anders!MJ: Mit 29 Jahren war ich zum ersten Mal in meiner Fußballkarriere ablösefrei und hätte in die Türkei, nach Portugal oder England gehen können. Ich stellte mir die Frage: Was lernst du da? Du bist nur in Hotels und auf Trainingsplätzen, du lernst die Kultur und die Menschen nicht kennen. Ich habe bewusst den schwierigeren Weg gewählt, einen Schlussstrich unter den Fußball gezogen und eine neue Karriere begonnen. Mein Leben ist ja nicht vorbei, nur weil ich mit dem Fußball aufgehört habe. Schon während meiner Profi-Zeit habe ich einiges ausprobiert, mit T-Shirts etwa. Was ich damals verstanden habe: Auf allen Positionen müssen Leute sitzen, die besser sind als du. Das ist für mich unternehmerisches Handeln, und das macht Spaß. Damals habe ich Blut geleckt, weil der Input einfach hundertmal höher ist als irgendwo in der Kabine, wo alle nur über Autos und Frauen reden.

Fanden das die anderen nicht etwas merkwürdig?MJ: Die Spieler weniger. Es gab Trainer, die meinten: Konzentriere dich auf den Fußball. Aber ich wusste immer, das echte Leben spielt woanders. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Mama hat bei Aldi gearbeitet, mein Vater bei Kaiser’s Tengelmann. Das war hart: Morgens um fünf Uhr aus dem Haus, immer ohne zu meckern. Diesen Draht zum normalen Leben wollte ich auf keinen Fall verlieren.

Warum ist das normale Leben so wichtig?MJ: Weil für Fußballprofis ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt wird, sie müssen sich um nichts mehr kümmern. Mit 18, 19 kommen sie zum Profisport und sollen sich nur mit Fußball befassen, den ganzen Tag. Sie haben vom Leben noch nichts gesehen – und auf einmal keine freie Minute mehr. Also belohnen sie dich materiell, weil sie gar keine andere Möglichkeit haben. Du kannst nicht drei Wochen in Urlaub fahren, denn da ist schon wieder ein Turnier. Geistig anregend ist diese Umgebung nicht – und irgendwann ist die Zeit im Leistungssport abgelaufen.

Was kommt nach dem Leistungssport?MJ: Mit dieser Frage beschäftigen sich viele Topspieler ungern. Warum auch?! Die brauchen nie wieder zu arbeiten, außer sie schmeißen jeden Tag mit der Schubkarre das Geld aus dem Fenster. Aber das ist eher ein Nachteil, deshalb gehst du viel zu locker an das, was nach dem Sport kommt. Du hast zwar Geld, aber plötzlich fehlt dir die Wertschätzung für das, was du tust. Deshalb: Egal, was es ist, du brauchst eine neue Aufgabe.

Welche neue Aufgabe hast du gefunden?MJ: Ein Lifestyle-Sanitätshaus. So etwas gab es vorher nicht.

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