Herr Professor Schneider, warum werden Mitarbeiter kriminell?
Dazu müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Zuallererst muss der Täter überhaupt eine Tatgelegenheit haben, also eine Lücke in den Kontrollsystemen finden. Manche suchen aktiv und gezielt danach, andere stoßen zufällig darauf.

Wer eine Lücke erkennt, wird zum Täter?Nein, nötig ist auch ein Motiv. Unsere Studien* zeigen, dass es in erster Linie um den eigenen finanziellen Vorteil geht. Die meisten Täter können mit ihrem Einkommen schlicht ihren Lebensstil nicht bezahlen – weil dieser ohnehin extravagant ist oder etwa eine teure Scheidung ansteht, bei anderen sinken die Hürden, wenn sie sich nicht wertgeschätzt fühlen.

Gibt es auch Täter, die einfach ihrem Arbeitgeber schaden wollen?Sabotage aus Frust gibt es in Einzelfällen sicherlich, aber bei den von uns untersuchten Taten spielen solche Motive eine untergeordnete Rolle.

Wie können sich Unternehmen vor solchen Mitarbeitern schützen?Dafür gibt es etablierte Compliance­Management­Standards als Bündel von Maßnahmen, passend je nach Größe und Form des Unternehmens. Dessen Prozesse und Kontrollsysteme müssen so organisiert werden, dass erstens Straftaten objektiv schwerer zu begehen sind und zweitens potenzielle Täter abgeschreckt werden. Dafür braucht es Konsequenz und einen langen Atem.

Warum ist ein langer Atem notwendig? Compliance­ Management­ Systeme bringen Taten ans Tageslicht, die früher im Dunkeln blieben. Wir nennen es „Kontrollparadoxon“: Die gefühlte Betroffenheit steigt, da mehr Taten aufgedeckt werden. Doch erst wenn Unternehmen arbeits­ und strafrechtlich konsequent gegen kriminelle Mitarbeiter vorgehen, entfaltet Compliance­ Management präventive Effekte.

Welche Rolle spielt die interne Kommunikation dabei?Konsequentes Vorgehen gegen kriminelle Mitarbeiter spricht sich im Haus schnell herum. Wichtiger ist es, die Mitarbeiter zu schulen und zu sen­sibilisieren. Daran hapert es in der Praxis: Ich erlebe oft Firmen, die ein Hinweisgeber­System samt konkretem Ansprechpartner bei Verdachtsfällen eingeführt haben ­ und bei Schulungen stellt sich heraus, dass viele Mitarbeiter nichts davon wissen.

Wie empfehlenswert sind solche Hinweisgeber-Systeme?Mitarbeiter müssen wissen, wohin sie sich mit einem Verdacht wenden können. Und sie müssen darauf vertrauen, dass mit einem geäußerten Verdacht professionell umgegangen wird. Das gilt vor allem für die strikte Vertraulichkeit der Gespräche. Schließlich kann sich ein Verdacht nicht nur gegen Kollegen oder Untergebene, sondern auch gegen Vorgesetzte richten.

Sollte der Ansprechpartner daher ein Externer sein?Das kommt auf Struktur und Kultur des Unternehmens an. Für einige ist ein interner Ansprechpartner sinnvoll, wenn die Mitarbeiter ihm tiefes Vertrauen entgegenbringen. Für andere Firmen ist eine Compliance­ Hotline bei einer externen Anwaltskanzlei die richtige Lösung.

Wie können Unternehmen vermeiden, spätere Straftäter überhaupt einzustellen?Dafür gibt es kein Patentrezept. Für Posten in sensiblen Bereichen allerdings sollten Unternehmen nicht nur auf Arbeitszeugnisse vertrauen, sondern auch Referenzpersonen bei früheren Arbeitgebern anrufen und ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen. „Gelegenheitssucher“, also Täter mit hoher krimineller Energie, wurden häufig schon für andere Wirtschaftsvergehen verurteilt.

*Die Wirtschaftsstraftäter­Studien erstellte die Uni Leipzig mit dem Beratungsunternehmen BakerTilly