Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa sorgt dafür, dass Solvency II ab 1. Januar 2016 umgesetzt wird. Behördenchef Gabriel Bernardino schaut Kontrolleuren der einzelnen Länder genau auf die Finger.

Herr Bernardino, von Neujahr an greift Solvency II. Auftrag erledigt! Lehnen Sie sich entspannt zurück?Im Gegenteil. Dieser Tag markiert das Ende einer langen Reise – und den Auftakt zu einer neuen. In den vergangenen 15 Jahren haben wir ein schlüssiges abgestimmtes Aufsichtsregime entwickelt; wahrscheinlich brauchen wir weitere zehn Jahre, bis es umfassend implementiert ist und ein echter europaweiter Markt entsteht.

Warum wird diese Reise so lange dauern?Die nationalen Aufsichtsbehörden müssen durch ihre Aufsicht dafür sorgen, dass jedes Unternehmen das Regelwerk wirklich beherzigt. Und Eiopa hat dafür zu sorgen, dass die Behörden ihrer Aufgabe nachkommen. Noch ist Solvency II ein Regelwerk – es wird Jahre brauchen, bis es selbstverständliche und gelebte Praxis ist. Dieser Prozess startet 2016.

Ist das nicht zu spät?Den strategischen Schwenk vom Regelwerk zur Aufsicht haben wir bereits 2014 gestartet, weil uns bewusst war, dass es jede Menge Fragen geben würde. Es gibt zwar Kritik an Zahl und Umfang unserer Richtlinien, aber: Genau dort finden sich die Antworten auf die meisten Fragen. Sollte irgendetwas noch nicht stimmig sein, klären wir das auf dem Weg. Wir wollen einen europäischen Markt, in dem alle Unternehmen gleich behandelt werden und nach denselben Regeln spielen. Haben wir dieses Ziel erreicht? Offen gesagt: Nein.

Werden wir dieses Ziel denn je erreichen?Ich bin zuversichtlich. Solvency II legt die Basis, jetzt sind die einzelnen Länder gefordert. In denen sich nicht nur das Verständnis von Aufsicht unterscheidet, sondern auch Geschäftsmodelle.

Wie kann Solvency II allen gerecht werden?Mit Solvency II hat es so lange gedauert, weil wir allen gerecht werden wollen – nicht zuletzt den deutschen Lebensversicherern und ihren Langfristgarantien. Unsere Aufsicht muss stark und mitunter hart sein – aber fair.

Mann mit Übersicht: Der Portugiese Gabriel Bernardino führt die Eiopa seit 2011.

Ist es fair, wenn kleineren Versicherern derselbe bürokratische Aufwand wie den großen abgefordert wird und deutsche Lebensversicherer, die mit dem niedrigen Zinsniveau kämpfen, alle drei Monate ihre Kapitalreserven anpassen müssen?Wir wissen um diese Probleme, sie haben Eingang ins Regelwerk gefunden. Letztlich funktioniert die Balance, deshalb: Ja, Solvency II ist fair.

Obwohl das Regelwerk Staatsanleihen als supersicher einschätzt und Unternehmensanleihen als riskant? Der Markt sieht das anders. Und Solvency II will doch den Markt abbilden …Das stimmt, da werden wir nachbessern. Allerdings werden Staatsanleihen bereits jetzt immer mit ihrem aktuellen Wert berücksichtigt – da sind wir nahe am Markt.

Einige Versicherer gelten als „too big to fail“, was ihnen hohe Kapitalreserven abfordert. Wie legitimieren Sie diesen Aufschlag?Auf Versicherungsseite steigen wir erst jetzt in die Debatte um „systemische Risiken“ ein. In der Finanzkrise 2008/09 haben wir gelernt, dass ein Versicherer wie AIG entscheidende Entwicklungen innerhalb des Finanzsystems vorantreiben kann. Das können wir nicht ignorieren. Seitdem versuchen wir herauszuarbeiten, wann und warum ein Unternehmen das System ins Wanken bringen kann. Ein erstes Ergebnis: Es kommt auf die Art der Aktivitäten an. Wenn ein Versicherer beispielsweise stark in Derivate investiert hat, kann das massive Auswirkungen auf das gesamte System haben. Wer solche Risiken heraufbeschwört, sollte auch das Geld dafür zurücklegen.

Was passiert, wenn der erste Versicherer aufgibt und er das Übermaß an Bürokratie und Kontrolle dafür verantwortlich macht?Wenn ein Versicherer scheitert, liegt das niemals an Solvency II – oder irgendeinem anderen Regelwerk. Momentan gibt es zwei Gründe, warum ein Unternehmen untergehen kann: das eigene Geschäftsmodell und das niedrige Zinsniveau. Solvency II hilft, kann aber Firmenpleiten nicht vermeiden. Es setzt die richtigen Anreize, denn es sorgt dafür, die Versprechen von Versicherern besser einschätzen zu können.

Zehn Jahre soll die neue Reise dauern. Wo wird die Assekuranz stehen, wenn sie endet?Man kann nicht dieselben Produkte auf dieselbe Art und Weise verkaufen, wenn sich die Welt rasant ändert. Menschen nutzen heute ihr Smartphone, um Versicherungen abzuschließen oder ihre Altersvorsorge zu planen – daher brauchen die Versicherer neue Köpfe, die verstehen und umsetzen, was Kunden heute wollen. Dann wird sich die Assekuranz neu erfinden – und ich bin zuversichtlich, dass ihr das gelingen wird.