Herr Müntefering, im kommenden Jahr sind Bundestagswahlen. Das Thema Rentenreform dürfte als Thema gesetzt sein. Erleben wir gerade einen Verteilungskonflikt um die Altersvorsorge?Die Rentner heute sind eigentlich relativ gut ausgestattet, das bleibt auch so für die nächsten Jahre. Wenn ich derzeit Geld zu verteilen hätte, würde ich es Familien mit aufwachsenden Kindern geben. Dort gibt es häufiger ein Problem als bei den Rentnern. Ich treffe eine Menge junger Leute, die die Parole ausgeben: Wir kriegen aus der gesetzlichen Rente sowieso nichts mehr raus. Das ist natürlich Unsinn, weil die Altersstrukturen im Jahr 2045 schon wieder ganz anders aussehen werden.

Eine ganz schön optimistische Einstellung für einen Sozialdemokraten. Viele Ihrer Parteigenossen warnen gerade aufgeregt vor der drohenden Altersarmut in Deutschland.Mein Vater war Industriearbeiter, und meine Mutter war nicht berufstätig. Als sie alt wurden, erhielt mein Vater eine Rente, meine Mutter nicht. Sie wurde deshalb nie als arm bezeichnet und hat sich auch nie arm gefühlt; die Rente wurde im Hause Müntefering geteilt, davon haben beide Ehepartner gelebt. Das Rentenniveau war allerdings höher.

Früher hielten Ehen länger – vielleicht gerade deshalb …Heute bekommt der Mann die volle Rente und die Frau, die meist kürzere Versicherungszeiten hat, die Hälfte oder drei Viertel davon. Und plötzlich gilt sie als arm – obwohl das Paar mehr Geld zur Verfügung hat als damals meine Eltern. Deshalb kann der Staat doch jetzt nicht noch etwas drauflegen. Im Übrigen kann ein Ehepaar, das unterschiedlich viel arbeitet, ein Rentensplitting machen. Dann ist die Frau auch besser versorgt, falls es später mal Krach gibt.

WIR LEBEN LÄNGER UND SIND AUCH LÄNGER RELATIV GESUND. DESHALB STEIGT DIE ZAHL DER MENSCHEN, DIE MIT DEM ERREICHEN DES RENTENALTERS WEITERARBEITEN WOLLEN.

Die Rente wird also schlechtergeredet, als sie tatsächlich ist?Wichtig ist, den Menschen Mut zu machen für die Zukunft, damit sie nicht denken, alles endet ganz schlimm. Deutschland hat gute Voraussetzungen, um wohlstandsfähig zu bleiben. Bildung, Ausbildung und Wirtschaft, das muss alles gut funktionieren. Dann verdienen die Menschen gut, können viele Jahre arbeiten und zahlen entsprechend viele Beiträge für die Altersvorsorge.

Altersvorsorge muss man sich leisten können – auch eine private. Über die Riester-Rente wird doch gerade hergefallen, wie es die von Ihnen damals so proklamierten Heuschrecken bei deutschen Unternehmen gemacht haben … Und das ist ungerecht. Die Zahl der Riester-Rentensparer ist relativ hoch, zwischen 12 und 15 Millionen Verträge – wie man liest. Das kann man nicht einfach für null und nichtig erklären. In Zeiten von Nullzinsen müssen wir allerdings überlegen, wie die Riester-Rente besser, attraktiver werden kann.

Wie würden Sie selbst die Riester-Rente reformieren wollen, wären Sie heute noch im Amt?Der Ansatz der Riester-Rente ist und bleibt richtig. Als wir Sozialdemokraten zusammen mit den Grünen 1998 an die Regierung kamen, haben wir festgestellt, dass von der Altersgruppe 55plus nur noch 36 Prozent berufstätig waren. Nur 36 Prozent! Das kann keine gesetzliche Rentenversicherung auf Dauer stemmen. Wir haben einiges geändert, auch die Vorsorge deutlicher auf drei Säulen gestellt: gesetzliche und betriebliche Rentenversicherung plus die Möglichkeit, selbst vorzusorgen. Arbeitsminister Walter Riester favorisierte damals eine verpflichtende Riester-Rente. Alle sollten drin sein. Ich weiß nicht mehr genau, warum diese obligatorische Lösung gescheitert ist. Das wäre vielleicht der noch bessere Weg gewesen.

Haben Sie also letztlich doch den falschen Weg eingeschlagen?Überhaupt nicht. Damals war klar, wir müssen etwas ändern. Denn die Relation zwischen Rentnern und Erwerbstätigen verschiebt sich massiv. 1960 kamen auf einen Rentner sechs Erwerbstätige, heute sind es drei, und 2030 werden es nur noch zwei sein. Nach 2045 wird sich die Situation etwas entspannen, dann ist die Alterskohorte der Babyboomer im Himmel angekommen. Jetzt müssen wir klären, was zwischen 2030 und 2045 passieren soll.

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