Herr Blüm, was heißt für Sie Nachhaltigkeit in der Rentenpolitik?
Dass die Beiträge, die heute ein Arbeitnehmer in die Rentenversicherung einzahlt, seinen Anspruch auf die Rente in der Zukunft begründen. Je mehr jemand einzahlt, desto mehr bekommt er im Alter heraus. Keiner wird über den Tisch gezogen.

„Die Rente ist sicher“, haben Sie einmal gesagt. Gilt das noch in einer alternden Gesellschaft?Ich halte das Demografieproblem für überschätzt.
 Seit Jahrzehnten steigt die 
Zahl der Alten, seit Jahr
zehnten steigt aber auch die
 Rente. Weil es eben weniger
 auf die Kopfzahl ankommt
 als auf die Produktivität
 der Arbeit. Kürzlich war ich
 bei Opel in Rüsselsheim am Fließband. Dort erklärte mir
 der Vorarbeiter, dass früher ein Kollege im Schnitt ein Auto in 60 Tagen herstellte. Heute braucht er dazu nur noch 15 Stunden. Wenn ein Arbeiter so viel mehr Autos bauen kann, kann er auch viel mehr Menschen mitfinanzieren.

Was also ist das eigentliche Problem?GDie Schlüsselfrage des Sozialstaats lautet: Wie entwickelt sich die Arbeit? Gibt es Arbeit für alle? Steigt die Produktivität? Die Arbeit verändert sich. Im Dienstleistungssektor steckt zum Beispiel enormes Potenzial. Die Frage ist allerdings auch: Ist unser Begriff vom Arbeitnehmer noch zeitgemäß?

Müssen Selbstständige also in die Rentenversicherung einbezogen werden?NJa. Es gibt viele Selbstständige, die schutzbedürftiger sind als klassische Arbeitnehmer und wenig verdienen.

Und nur geringe Beiträge zahlen, sodass am Ende doch Altersarmut steht.Das gilt es zu verhindern. Die Rentenversicherung ist nicht der Lastesel aller sozialen Probleme. Hungerlöhne können andererseits nicht zu Luxusrenten führen. Man muss also die Hungerlöhne bekämpfen.

In einer globalen Wirtschaft fällt das in vielen Sektoren immer schwerer.
Wenn die Globalisierung zu einer neuen Klassenspaltung führt, zu einer Unterschicht, die zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben hat, dann ist die Globalisierung eine Fahrt in die Katastrophe. Dann wird es eine Gegenreaktion geben, die Leute werden sich das nicht gefallen lassen.

Sie sind gegen die Riester-Rente. Wo ist für Sie Platz für private Vorsorge?Die Rentenversicherung hat jede Krise der vergangenen 100 Jahre überstanden. Sie muss die Basis jeder Altersvorsorge sein. Zusätzlich sollen die Menschen sparen. Je mehr, desto besser. Da gibt es viel Raum für Angebote, auch von Versicherungen. Wogegen ich mich allerdings immer ausgesprochen habe: dass die gesetzliche Rente teils durch private Vorsorgemodelle wie die Riester-Rente ersetzt wird.

Warum?Weil sich nicht alle private Vorsorge leisten können, aber alle von einer Senkung der Rentenniveaus betroffen sind. Wer 35 oder 40 Jahre Rentenbeiträge eingezahlt hat, muss später deutlich mehr Geld erhalten als jemand, der von Sozialhilfe lebt.

Hilft dabei eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters?
Am besten, wir schaffen die Altersgrenze ganz ab! Dann kann jeder arbeiten, solange er will. Das wäre für jeden Bürger ein entscheidender Zugewinn an Selbstbestimmung. Dafür müsste aber ein Zeitpunkt festgelegt werden, zu dem die volle Rente fällig wäre. Wer davor aufhört zu arbeiten, muss Abschläge hinnehmen. Wer länger arbeitet, erhielte höhere Zahlungen. Damit viele Menschen davon Gebrauch machen können, benötigen wir aber ein hohes Rentenniveau. Sonst könnten nur wenige vorzeitig in Rente gehen.