Herr Dombret, die niedrigen Zinsen belasten Versicherer und ihre Kunden seit Jahren. Was sollte die Branche noch tun, um gut durchs Zinstief zu kommen?Als Bundesbanker habe ich vor allem im Blick, was die Niedrigzinsen für den Bankensektor bedeuten. Aber auch für das Geschäftsmodell der Versicherer stellen sie eine große Herausforderung dar. Die Branche muss sicherlich Kosten senken und die Chancen aus der Digitalisierung nutzen, um noch effizienter zu werden – da geht es den Versicherern ähnlich wie den Banken. Auch die Konditionen von Versicherungsverträgen werden natürlich an das neue Umfeld angepasst. So ist zum Beispiel bei Lebensversicherern eine gewisse Abkehr von Produkten mit einer Garantie für die gesamte Vertragslaufzeit festzustellen.

Nach der Krise 2007 wurden die Finanzmärkte strenger reguliert. Steht das Finanzsystem jetzt auf solideren Füßen?Die Reformen seit der Krise haben unser Bankensystem stabiler gemacht. Die Eigenkapitalausstattung der deutschen Banken und Sparkassen ist heute deutlich höher als damals. Auch neue Vorgaben wie die zusätzlichen Kapitalpuffer und die Liquiditätsanforderungen tragen zur erhöhten Stabilität bei. Für den Fall, dass Banken trotz der neuen Regeln in Schieflage geraten, haben wir in Europa den einheitlichen Abwicklungsmechanismus eingeführt, durch den Schieflagen einzelner Institute beherrschbar bleiben.

Großbritannien verlässt die EU, wahrscheinlich kommt ein harter Brexit. Was wären die Folgen?Ich halte die Folgen für das Bankensystem für überschaubar und die Gefahren für die Finanzstabilität in Deutschland für begrenzt. Entscheidend ist es, akribische Vorbereitungen für den Fall eines harten Brexits zu treffen. Bestehende Kundenbeziehungen auf beiden Seiten des Ärmelkanals müssen ohne Unterbrechung fortgesetzt werden können.

Sehen Sie die kontinentalen Banken oder die Versicherer besser gerüstet für den Brexit?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Gemessen am Volumen der jeweils ausstehenden Forderungen ist das Vereinigte Königreich für die deutschen Banken und Sparkassen in absoluten Zahlen von deutlich größerer Bedeutung als für die deutschen Versicherer. Für die Versicherer wird viel davon abhängen, ob auf die in der europäischen Richtlinie „Solvency II“ enthaltenen Äquivalenzregeln zurückgegriffen wird. Daneben gibt es Faktoren, die sowohl Banken als auch Versicherer vor Herausforderungen stellen – zum Beispiel beim Clearing von Euro-Derivaten, das bislang zum größten Teil über London abgewickelt wurde. Insofern sind beide Branchen mit Herausforderungen und Unwägbarkeiten konfrontiert.

Können nach dem Brexit für den EU-Raum wichtige Finanzeinrichtungen in London verbleiben?Das kommt auf das Verhandlungsergebnis zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich an. Nehmen Sie zum Beispiel das Euro-Clearing. Hier muss sichergestellt sein, dass die europäische Aufsicht hinreichende Aufsichts- und Durchgriffsrechte hat. Ohne solche Rechte wäre es für mich kaum vertretbar, dass eine so wichtige Funktion wie das Clearing künftig außerhalb der EU-Jurisdiktion steht. In anderen Bereichen ist die Sache schon klarer. So hat sich zum Beispiel die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA bereits darauf festgelegt, ihren Standort in London aufzugeben und auf den Kontinent zu ziehen.