Ihre Altersvorsorge lässt die Biathlon-Olympiasiegerin Andrea Henkel in Deutschland zurück – um sie in Amerika wieder aufzubauen. Ein Gespräch über Neuanfänge.

Ein sonniger Tag in Oberhof, Andrea Henkel kommt pünktlich ins „Café Iglu“, das zur hiesigen Skihalle gehört. „Ich bin Andrea“, sagt sie freundlich und unaufgeregt – Sportlerin halt. Dass diese zarte Person jahrelang so erfolgreich mit einem Gewehr rumhantiert hat, kann nur glauben, wer sie selbst im Fernsehen oder an der Loipe gesehen hat. Zwei Olympiasiege hat die Biathletin eingefahren, acht Mal Gold bei Weltmeisterschaften, 46 Weltcup-Triumphe. Letztes Jahr hat sie Schluss gemacht mit der aktiven Karriere, den US-Biathleten Tim Burke geheiratet und seinen Namen angenommen. Sie zieht mit ihm in seine Heimat, nach Lake Placid. Wenn jetzt die Biathlonsaison anläuft, wird Andrea Henkel nicht mehr dabei sein.

Frau Henkel, Sie sind eine äußerst beliebte Sportlerin, eine Mischung aus nationalem Eigentum und Local Hero für Thüringen. Und trotzdem kehren Sie dem Sport und Deutschland den Rücken. Verstehen das die Leute?Das hört sich so hart an! Leider kann ich meinen Sport nicht bis ins Rentenalter betreiben, außerdem bin ich ja nicht aus der Welt. Die Leute um mich herum wissen, dass ich meinen eigenen Kopf habe und verstehen, warum ich nach Amerika ziehe. Ich mache das ja nicht, um sie zu ärgern. Außerdem: Es ist sehr schön in meiner neuen Wahlheimat!

Biathletin Andrea Henkel im Gespräch mit GDV POSITIONEN.

Aber auch sehr fremd, oder?Ich bin ja schon seit sieben Jahren immer mal wieder in Lake Placid und habe schon ein kleines Netzwerk dort, mit dem ich mich wohl fühle.

Aber muss es denn wirklich so weit weg sein?Meine Oma fragte auch: Muss es denn unbedingt ein Amerikaner sein? Darauf konnte ich nur antworten: Die deutschen Jungs haben ihre Chance gehabt!

Ihr Mann hat in einem Interview gesagt, er findet toll, wie Sie sich für Neues begeistern können.Ja, das stimmt. Er hat mich auch für sein großes Hobby begeistert, das Fliegenfischen. Oder anders gesagt: für Camping mit frisch gefangenem Abendessen.

Sie wollen in den Staaten als Personal Trainer arbeiten und machen derzeit eine Fitnesstrainer-Ausbildung. Wie kam diese Entscheidung zustande?Ich wollte nicht etwas komplett Neues erlernen, dabei aber auch selbstständig bleiben. Ich wäre vielleicht auch eine gute Sekretärin geworden, aber ich möchte mich auch weiter viel bewegen und mit Menschen arbeiten, die mein Interesse für gesunde Ernährung und Bewegung teilen. Auf Englisch ist das natürlich noch mal eine Extra-Herausforderung, und da habe ich durchaus noch Potenzial nach oben! Aber neulich habe ich meine Schwester schon auf Englisch angeredet – vielleicht ein gutes Zeichen.


Ich wäre vielleicht auch eine gute Sekretärin geworden. aber ich möchte mich weiter viel bewegen – und werde jetzt Personal Trainer.

Andrea Henkel, Biathlon-Olympiasiegerin

Kann man als Olympiasiegerin eigentlich mehr Geld von seiner Kundschaft verlangen?Ich denke, ich kann nur so viel von meinen Klienten verlangen, wie meine Arbeit wert ist. Meine Olympiasiege machen mich aber sehr glaubwürdig, wenn es um sportliches Training geht. Außerdem brauche ich nicht so viel, um glücklich zu sein, keine 15 Autos vor der Tür. Schlecht soll es mir und meinem Mann natürlich auch nicht gehen. Wir wollen ein Haus bauen in Lake Placid, und dort möchte ich auch mein Personal-Training-Studio einrichten sowie nutzbare Außenanlagen, um mit meinen zukünftigen Klienten vor Ort zu trainieren.

Müssen Sie überhaupt arbeiten oder könnten Sie auch den ganzen Tag Fliegenfischen gehen?Ich habe es nicht durchgerechnet, ob ich bis ans Ende meines Lebens durchkommen würde. Aber ich habe natürlich gut gespart in all den Jahren und könnte auch sicher die Füße eine Weile ruhiger halten. Aber arbeiten – das will ich für mich. Von 100 auf Null, damit würde ich nicht zufrieden sein, das weiß ich. Für den täglichen Bedarf würde mein angelegtes Geld eventuell reichen, aber ich will ja auch weiterhin schöne Reisen machen, ein paar Mal im Jahr nach Deutschland fliegen. Und Kinder will ich auch haben.

Ist die Altersvorsorge dann überhaupt noch ein Thema für Sie?Daran habe ich schon recht früh gedacht. In Form von Lebensversicherungen, privater Rentenvorsorge oder anderen Anlagen. Leider werde ich in Deutschland einiges auflösen müssen, weil ich sonst in den USA zusätzliche Steuern darauf zahlen muss. Das hat US-Präsident Obama eingeführt, um das Geld der Einwohner im Land zu halten. Ich werde also auch der deutschen Versicherungswirtschaft teilweise den Rücken kehren und mich in Amerika für die Zukunft absichern müssen. Bestimmte Entscheidungen bedürfen gewisser Maßnahmen.

Nach all den Jahren des Trubels – wird sich Lake Placid nicht seltsam still für Sie anfühlen?Nun, ich freue mich drauf. Ich war immer viel unterwegs durch den Sport, jetzt möchte ich sesshaft werden. Natürlich werde ich es vermissen, dass ich nicht mal eben zum Geburtstag meiner Freunde und Familie um die Ecke gehen kann. Aber was den Trubel betrifft: Darauf kann ich verzichten. Ich bin meinen Fans und allen, die an mich geglaubt haben, unglaublich dankbar. So viele Jahre hatten sie mich im Winter in ihrem Wohnzimmer. Aber manchmal wurde es mir schon etwas eng, wenn man mich immerzu in den Arm nehmen wollte. Da kam ich mir schon mal vor wie im Streichelzoo.