GUTE FRAGE

Wie wird denn die Zukunft berechnet?

Ob Renten- oder Lebensversicherung: Der Tarif soll flexibel und günstig sein, möglichst viele Leistungen abdecken und hohe Erträge abwerfen. Und das ein Leben lang. Wie Versicherungsmathematiker für die passende Altersvorsorge in die Zukunft schauen – und zurück.

Wie alt kann der Mensch werden? Eine definitive Antwort auf diese Frage kennt niemand. Sicher ist nur: Er lebt länger. Seit über 140 Jahren wird er im Schnitt alle 40 Jahre um rund zehn Jahre älter. Nachzulesen ist das in sogenannten Sterbetafeln, die im Arbeitsalltag von Versicherungsmathematikern – Aktuare genannt – eine wesentliche Rolle spielen. Seine Aufgabe ist es, Risiken zu berechnen, zu bewerten und auf Basis der Ergebnisse Tarife und Beiträge für Versicherungspolicen zu kalkulieren. Der „Blick in den Rückspiegel“, wie Claudia Andersch, Mitglied des Vorstands der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), die statistischen Erfahrungswerte der Vergangenheit nennt, bildet die Ausgangsbasis für den in unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitstabellen gewagten Blick in die Zukunft.

Das Hauptrisiko dabei: die Unsicherheit zukünftiger Sterblichkeitserwartungen. Für die Sterbetafeln der DAV zur Reservierung von Renten- oder Lebensversicherungen, die den Aktuaren bei ihren Berechnungen helfen, werden vor allem die Datenpools der Versicherungen, des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Rentenversicherung ausgewertet, werden soziale Trends ebenso analysiert wie Veränderungen in der Berufswelt oder medizinische Entwicklungen. Wie haben sich die Sterblichkeitserfahrungen in der Vergangenheit verändert und was bedeutet das für die Zukunft, was könnten Einflüsse aus Sterblichkeitsveränderungen sein, wie unterscheiden sich Versichertendaten von allgemeinen Bevölkerungsdaten: „Wir bemühen uns, sämtliches aussagekräftiges statistisches Material zur Plausibilisierung der eigenen Daten heranzuziehen“, sagt Andersch.

Der Blick in den Rückspiegel ist die Basis für die berechnete Zukunft.
Claudia Andersch

Mathematisches Know-how ist gefragt, Statistik und Stochastik sind unerlässlich, Sorgfalt und Genauigkeit gepaart mit Erfahrung ein Muss. „Wir müssen die Trendansätze in Formeln packen und auch modellieren können. Die Herausforderung dabei ist, immer wieder auch den Realitätscheck zu machen“, bekräftigt Andersch. „Sind die Daten nach einheitlichen Methoden erfasst worden? Selbst geringe Abweichungen können bereits zu falschen Schlüssen führen.“ Und die könnten fatal sein, steht der Aktuar doch in der Pflicht, dass die Versicherungsleistungen sicher und angemessen kalkuliert sind. „Wir legen uns heute fest und müssen unser Leistungsversprechen in ferner Zukunft gewährleisten“, sagt Andersch. Dass man hier nicht vorsichtig genug sein kann, zeigt der Blick in die Vergangenheit. „Gerade bei den Sterbetafeln gab es Wechsel, weil wir die Langlebigkeit unterschätzt hatten. Aber die Botschaft hier ist: Ein Wechsel geht nicht zulasten der Versicherten. Jeder bekommt seine Auszahlungen ein Leben lang. Garantiert!“

Zur Person

Claudia Andersch

Vorstandmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) und der CosmosDirekt Gesellschaften

Claudia Andersch