Seine Geschäftsidee lag Richard Meier direkt zu Füßen, damals im Frühjahr 2006 an der Costa Brava in Spanien. Während der passionierte Kitesurfer auf guten Wind wartete, wunderte er sich über die unzähligen Seegraskugeln, die dort weite Teile des Strandes bedeckten. „Das Zeug taugt nicht mal, um den Kamin anzuzünden“, lästerte sein Begleiter. Für Meier, den Baustoffkunde-Professor, ein Einwand mit Aha-Effekt. Nicht brennbar? Meier beschäftigte sich näher mit Posidonia oceanica und stellte fest, dass es einen prima Dämmstoff abgibt, der weder schimmelt noch verrottet. Tolle Sache. Meier verabschiedete sich vom Gedanken, in den Ruhstand zu wechseln und gründete mit 63 Jahren sein eigenes Unternehmen, Neptutherm.
„Bevor ich mir die Radieschen von unten ansehe“, sagt der heute 68-Jährige, „wollte ich schließlich noch was tun. Und diese Sache musste ich einfach machen.“ Damit widerlegt Meier ganz nebenbei die Vorstellung, Gründer seien Latte-macchiato-Junkies mit Nerdbrille auf der Nase, Sneakers an den Füßen und Stammplatz in der trendigen Coworking-Office. Klar, die gibt es weiterhin, aber die Zahl älterer Gründer nimmt zu. Laut KfW-Gründungsmonitor war 2015 bald jeder zehnte Firmengründer zwischen 56 und 64 Jahre alt. Rechnet man die Gruppe der 46- bis 55-Jährigen hinzu, geht fast jedes dritte der 763.000 neuen Unternehmen auf ältere Gründer zurück.

Die Jüngeren hingegen halten sich zurück. Waren 2005 noch 32 Prozent aller Neugründer zwischen 35 bis 44 Jahre alt, machten sich zehn Jahre später nur noch 20 Prozent der 26- bis 35-Jährigen auf in die Selbstständigkeit. Auch bei den 18- bis 25-Jährigen zeigt sich ein ähnliches Bild.
Der Anteil der Senior-Entrepreneure hingegen wächst, bald könnten sie die jungen Erwachsenen als gründungsstärkste Gruppe ablösen. „Den Gründern ab dem mittleren Alter gehört die Zukunft“, sagt Noemí Fernández Sánchez vom RKW Kompetenzzentrum, die sich mit der wachsenden Bedeutung der „Silver Starter“ beschäftigt.

Fitte und motivierte Babyboomer

Neben dem demografischen Wandel befeuere vor allem ein sich veränderndes Selbstverständnis diese Entwicklung. „Früher hat man die Jahre gezählt bis zur Rente“, sagt Fernández Sánchez. „Heute sieht man hingegen die Chance, auch im Alter noch mal ein neues Leben zu beginnen.“ Viele aus der Generation der Babyboomer – die Jahrgänge 1955 bis 1969 – seien fit, motiviert und fragten sich immer häu ger, ob es nicht erfüllender sei, beruflich aktiv zu bleiben, als sich dem „klassischen“ Ruhestand aus Freizeit und Konsum zu widmen. Zumal sie oft alles mitbringen, was für eine erfolgreiche Gründung vonnöten ist: Berufs- und Lebenserfahrung, Netzwerke und Geschäftskontakte sowie genügend Kapital, um den Start ihres Unternehmens ohne große finanzielle Hilfe zu stemmen. Im Hightech-Bereich, Deutschlands Innovationsmotor, zeigt sich beispielsweise, dass es ohne Spätgründungen nicht geht. 43 Prozent der neuen Chefs hier sind älter als 45 Jahre. Das hilft, denn kaum ein Jungspund kann die notwendigen Anfangsinvestitionen und das für diese Branche unabdingbare tiefe Wissen mitbringen.

Noch einen Vorteil hat das Gründen im reifen Alter: Man weiß, dass es nicht ewig mit demselben Schwung weitergehen wird. Wer klug ist, kalkuliert die eigene Nachfolge gleich mit ein. So wie Renate Damm. „Ich wollte schon immer eine eigene Kanzlei haben“, sagt die 80-jährige Hamburgerin. Nach Jahrzehnten beim Verlag Axel Springer und in einer Großkanzlei machte die Medienrechtlerin mit 65 „kurzen Prozess“, tat sich mit einem jungen Partner zusammen und gründete auf Basis vieler langjähriger Mandanten ihr eigenes Anwaltsbüro. „Das hat sich ganz organisch entwickelt.“ In Kategorien wie „Berufsleben“ und „Ruhestand“ dachte Damm dabei gar nicht. Es bot sich einfach eine Möglichkeit, die es zu nutzen galt. So pendelte sie noch bis zum 70. Lebensjahr zwischen Kanzlei und Gerichtssaal. Heute lässt sie es ruhiger angehen und kümmert sich vor allem um die Mandantenakquise. „Wirklich zum Jammern“ findet Ralf Sange, dass reifen Gründern so viel Skepsis entgegenschlägt. „Für die Zukunft ist das ein großes, gesellschaftlich relevantes Thema“, sagt der Sozialwirt, der mit „Gründer 50plus“ die deutschlandweit bisher einzige Existenzgründerberatung speziell für ältere Menschen ins Leben gerufen hat. Riesige Potenziale für Gesellschaft und Wirtschaft schlummerten da, die endlich geweckt werden sollten. Einwände wie „Spinnst du, du riskierst unser Häuschen!“ bezeichnet Sange als „Unsinn, wirklich absoluten Unsinn“. Eher selten würden Ältere noch mal das große Rad drehen wollen, gründeten vielmehr vor allem risikoarme One-Man- oder One-Woman-Firmen, die ohne viel finanziellen Aufwand eine bestimmte Nische besetzten. Da gibt der ehemalige Unternehmensberater sein Wissen als Coach an die jüngere Generation weiter, oder die frühere Friseurin arbeitet als selbstständige Perückenberaterin. Oder die frühere Betreuerin macht sich mit einem Laden selbstständig. So hielt es Heike Dettmann, die mit Ende 50 aus ihrem Hobby ein Start-up gemacht hat. Kaum 500 Euro Eigenkapital stecken in ihrem Laden im mecklenburgischen Teterow, in dem sie Handgenähtes von der Kindermütze bis zur Gardine verkauft. Einen kleinen Zuschuss gab es noch vom Jobcenter, für die Anschaffung von Plotter, Laptop, Stickmaschine und guten Stoffen. „Wenn es weiterhin so gut läuft, will ich das im Rentenalter auf jeden Fall weitermachen“, sagt die heute 61-jährige Dettmann.
Dettmann habe es klug angefangen, sagt Experte Sange. In Zeiten, in denen sich die Altersrente und Armutsgrenze immer weiter annäherten, sei es strategisch clever, mit Ende 50 langsam und locker das Unternehmen im Nebenerwerb aufzubauen, um dann im Rentenalter voll einzusteigen und eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben. „Immer mehr Menschen werden es sich gar nicht mehr leisten können, als Senior nur im Garten rumzuwerkeln“, prophezeit Sange.

Alles machbar, wenn man sich traut

Und wer sich nicht traut, der darf sich beraten lassen. Rund 400 Interessierte besuchen pro Jahr die von „Gründer 50plus“ angebotenen Coachings und Workshops. Bei den Industrie- und Handelskammern, die ebenfalls Gründer beraten, ist jeder fünfte Interessierte älter als 50 Jahre. Dabei wird nicht nur die Tragfähigkeit der Gründungsidee geprüft, sondern auch konkrete Hilfen gegeben, wie man die bürokratischen Hürden überspringt.
Alles machbar, wenn man sich nur traut. Deshalb rät Heike Dettmann allen anderen späten Gründern: „Nutzt die anfängliche Begeisterung und legt los. Wer lange wartet, der bekommt immer Bedenken zu hören und wird unsicher. Das kostet Kraft und Nerven.“
Und beides wird ja für das eigene Unternehmen noch gebraucht.