Wer allein wohnt, der hat seine Ruhe. Oftmals arg viel Ruhe. Radio oder Fernseher laufen nonstop, um eine wenig Leben ins Zuhause zu bringen. Damit sich das Alleinsein nicht so einsam anfühlt. Rund 30 Prozent der Senioren leben als Singles, von denen laut Forsa-Umfrage sich viele ein Zusammenleben mit anderen vorstellen können. Aber mit wem? Und wie sollen sie das erreichen?
„Wer jammert, der sitzt in der Falle. Also bitte mit dem Jammern aufhören und sich umgucken“, sagt Henning Scherf. Der frühere Bremer Bürgermeister lebt seit drei Jahrzehnten in einer WG, was kommunardiger klingt, als es ist. Eher handelt es sich um eine Hausgemeinschaft, die bei Problemen füreinander da ist. Konfliktfrei ist diese Senioren-WG natürlich nicht, erzählt Scherf im „Positionen“-Interview (2/2015), aber getragen von gegenseitiger Sympathie. Ein entscheidender Punkt, sagt der 78-Jährige: „Wer nicht alleine wohnen möchte, muss auf Leute im Freundes- oder Bekanntenkreis zugehen und sie ansprechen.“ Schließlich will man mit Menschen zusammenleben, die man mag. Früher lebte man als Familie zusammen, drei oder sogar vier Generationen unter einem Dach. Die Alten fanden ihr Auskommen, halfen im Haushalt mit und kümmerten sich um die Enkel. Die lernten so nicht nur die gedankliche Welt ihrer Eltern, sondern auch die ihrer Großeltern kennen – und die wiederum blieben so in vielerlei Weise in Kontakt mit der sich verändernden Welt.

Jeder hilft jedem: Viele Menschen haben heute das Gefühl, im Alltag auf sich allein gestellt zu sein. Umso attraktiver sind „Wahlfamilien“, wo jeder den anderen unterstützt

Streit und Zank inklusive. Das geht heute besser: Von „Wahlverwandtschaften“ oder sogar „Wahlfamilien“ spricht Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski. „Gemeinsam statt einsam heißt das Wohn- und Lebenskonzept der Zukunft.“ Und das kann vielerlei Formen annehmen. Da gibt es die Senioren-WG, das Zusammenleben in einem Mehrgenerationenhaus und gemeinsames Wohnen mit jungen Menschen, so wie es Sigrun von Schwedler und Philipp Sommer vorleben (ZUM INTERVIEW).

Die Realität hinkt den Wünschen hinterher

28 Millionen Menschen leben in Deutschland, die bereits ihren 60. Geburtstag gefeiert haben. Gut 90 Prozent von ihnen wohnen in Ein- oder Zwei-Personen-Haushalten. Dass sie mit ihren Kindern und Enkeln zusammenleben, wird immer seltener: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts Destatis schrumpfte die Zahl der Vier- und Drei-Generationen-Haushalte von 351.000 im Jahr 1995 innerhalb von zwei Jahrzehnten auf 209.000, ein Rückgang um 40 Prozent auf nur noch 0,5 Prozent aller Haushalte.
Belastbare Zahlen, wie viele Senioren neue Wohnformen ausprobieren, gibt es nicht. Weniger als 1 Prozent, schätzen Experten. Die Realität hinkt den Wünschen offenbar hinterher. Umfragen zeigen eine wachsende Offenheit für neue Wohnformen. 2013 ermittelte Versicherer Generali in seiner „Altersstudie“: 12 Prozent können sich das Leben in einer Wohngemeinschaft mit anderen älteren Menschen und 19 Prozent in einem Mehrgenerationenhaus vorstellen. Erst kürzlich erfragte das Portal ImmobilienScout24, dass 48 Prozent der Deutschen offen sind für die Wohnform Senioren-WG.
Wie viele Menschen tatsächlich in solchen WGs leben, versucht Destatis herauszufinden. Zwar leben deutschlandweit rund 850.000 Menschen „in einem Mehr-Personen-Haushalt mit familienfremden Menschen“, wie es Destatis nennt, davon sind allerdings nur 64.000 älter als 65 Jahre. In dieser Altersgruppe steigt der Anteil der WG-Bewohner allerdings am stärksten: Vor 20 Jahren gab es erst 33.000 Über-65-Jährige in solchen Wohngemeinschaften – die Zahl hat sich seitdem fast verdoppelt.

Jung und alt: Das Zusammenwohnen verschiedener Generationen gelingt am besten mit ein bisschen Abstand

„Diese Form von Zusammenwohnen täte vielen Menschen sehr gut, nicht nur älteren“, sagt Sigrun von Schwedler in ihrer Kölner Jung-Alt- WG. Die Sechzig- und Siebzigjährigen von heute haben nicht das Gefühl, dass gerade die letzten Körner durch ihre Lebensuhr rieseln. Sie wissen, dass sie noch einiges an Jahren vor sich haben, die sie aktiv und sinnvoll gestalten können. Sie wissen, dass es noch viel Neues zu entdecken gibt – und dass es nicht verkehrt sein kann, auf diesen Touren gelegentlich Reiseführer zu haben. Ob die älter oder jünger sind, ist dabei völlig egal: Hauptsache, sie eröffnen neue Horizonte.

Zusammenleben zwischen Jung und Alt klappt mit Neugierde – und mit einem gewissen Abstand

Barbara Zibell, Architektursoziologin an der Universität Hannover

Die Offenheit dafür ist notwendig, wenn das Zusammenwohnen klappen soll. „Wer das Leben genießen will, indem er sich in den Lehnstuhl setzt und guckt, was im Fernsehen läuft, der stirbt als Erster“, sagt Henning Scherf.
„Wer noch etwas unternimmt, was ausprobiert und neugierig bleibt, sich bewegt und sich auch körperlich nicht gehen lässt, der gestaltet sein Altersleben klug. Und lebt dann auch länger.“
Dabei muss man sich ja nicht allzu dicht auf die Pelle rücken. Die richtige Balance versuchen auch Mehrgenerationenhäuser zu finden. Hier müssen Jung und Alt sich allerdings miteinander arrangieren, das Gemeinsame ist Teil des Plans. „Das funktioniert nicht ohne Neugierde auf andere Menschen“, sagt Barbara Zibell, Architektursoziologin an der Universität Hannover. „Gleichzeitig muss es möglich sein, einen gewissen Abstand zu wahren.“ Wir sind es nicht mehr gewohnt, auf engstem Raum miteinander klarzukommen. Sich selbst zurücknehmen? Die Macken der anderen ertragen? Sich von Kompromiss zu Kompromiss hangeln? Och nö. Muss alles nicht sein.

Wer hilft wem? Offenheit und Neugierde braucht es in jedem Alter, um sich auf neue Menschen einzulassen – und auf neue Technologien

Mit etwas Distanz steigt die Aufgeschlossenheit, hat Zibell im hannoverschen Gilde-Carré beobachtet. Bei diesem Wohnprojekt wohnen Alt und Jung nicht einmal im selben Haus. Was es allerdings gibt, sind vielerlei Orte und Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen – „und die werden weidlich genutzt“, sagt Zibell. Quer über die Straße hätten sich Tandems aus Jung und Alt gebildet, eine ältere Dame habe ihr erzählt: „Hier habe ich Enkelkinder bekommen.“

Zuerst kommt das Ich. Und dann erst das Wir

Solche „Enkel“ sind wie alle Kinder keineswegs immer brav und leise – was so manchen älteren Menschen rasch an die Grenzen seiner Toleranz bringt. Dasselbe gilt umgekehrt, wenn ältere Menschen irgendwann pflegebedürftig werden und sich Hilfe von ihren Nachbarn erhoffen – und enttäuscht werden. „Die jüngere Generation arbeitet und hat eigene Kinder“, sagt Zibell. Sie fände es ideal, wenn sich Pflegestützpunkte in jedem Quartier der Stadt bildeten, sodass auch Pflegebedürftige in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Klar sei allerdings: Wer Pflege braucht, müsse sich um externe Hilfe kümmern.

Geht es allerdings um etwas Hilfe im Haushalt oder im Garten, sieht das anders aus – nicht nur in Mehrgenerationenhäusern. Vermittler wie der Verein „Wohnen für Hilfe“, in 20 deutschen Städten aktiv, bringen alte und junge Menschen unter einem Dach zusammen. Als Faustregel gilt: eine Stunde Arbeit im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche als Miete. Den sozialen Anschluss gibt es gratis dazu. Nächtelanges Weintrinken am Küchentisch allerdings, in Studenten-WGs nicht unüblich, kommt doch eher selten vor.