Frau von Schwedler, was haben Ihre fünf Kinder gesagt, als bei Ihnen ein junger Mann einzog?Sigrun von Schwedler: Da hieß es natürlich erst einmal: „Mama hat einen neuen Sohn.“ Also man hat mich schon ein bisschen damit aufgezogen. Aber nur ganz kurz. Meine Tochter fand es gleich in Ordnung.

Warum?SVS: Weil ich nicht alleine bin: Man weiß, da ist jemand, falls was sein sollte. Meine Tochter lebt in Wien, ein Sohn in New York, eine Tochter in Düsseldorf und zwei Söhne in Berlin. Ich besuche meine Kinder und meine acht Enkel zwar regelmäßig, aber die großen Entfernungen bleiben.

Zum Glück haben wir ähnliche Vorstellungen: gut miteinander auszukommen und uns nicht ins Gehege zu kommen

Sigrun von Schwedler, 72

Hie kam die WG überhaupt zustande?Philipp Sommer: Ich bin zum Jurastudium nach Köln gekommen und war erst einmal schockiert. Es wurden mir Zehn-Quadratmeter-Zimmer mit Wasserschaden für 450 Euro im Monat angeboten. Ich war bei WG-Castings, wo man sich dann mit 80 Mitbewerbern auf eine Liste eintragen sollte. Zwei Wochen vor Semesterstart bin ich dann doch etwas nervös geworden, weil ich noch keine Bleibe hatte. Beim Studentenwerk hat man mich dann auf „Wohnen für Hilfe“ aufmerksam gemacht.

Das Projekt bringt alte und junge Menschen zum gemeinsamen Wohnen zusammen. Ein Teil der Miete wird durch Hilfe im Haushalt abgegolten. Da hatten Sie, Frau von Schwedler, sich auch gemeldet …SVS: Ja, ich fand die Idee einfach sehr gut. Ich hatte von einer Bekannten davon gehört. Deren Tochter hat mit vier Kindern und einem Hund eine Studentin bei sich aufgenommen und sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gibt so viele, nicht nur ältere Menschen, die teilweise alleine in ihren richtig großen Wohnungen leben. Und die Wohnungssituation für Studenten in Köln ist geradezu grauenhaft.

Sigrun Von Schwedler hat lange in Düsseldorf gelebt, ehe sie vor 20 Jahren nach Köln zog. Die 72-Jährige hat früher Fachbücher übersetzt und war später Chefarztassistentin an einer Klinik. Wenn sie nicht gerade auf Reisen zu ihren fünf Kindern und acht Enkeln ist, malt sie oder spielt Bridge. Foto: Sascha Steinbach/Action Press

Welche Hilfe brauchen Sie denn?SVS: Keine. Ich wollte einfach jemanden im Haus haben. Wissen Sie, hier in der Nachbarschaft wurde immer wieder eingebrochen. Seit Philipp da ist, schlafe ich sehr viel besser.

PS: Ich helfe natürlich hier und da. Aber Sisi hatte schon vorher eine Putzfrau und einen Gärtner. Also mähe ich bei Bedarf den Rasen oder erledige Besorgungen mit dem Auto – was gerade anfällt.

Wer kocht?PS: Meistens sie. Aber ich bin während der Woche ohnehin früh aus dem Haus und erst spät von Vorlesungen oder vom Hockey zurück. Also schreibt sie mir dann eher: „Ich hab Gemüsesuppe gekocht. Ist genug für dich da, wenn du magst.“

SVS: Dafür kauft er gerne ein. Was ich überhaupt nicht gerne tue. Und zum Beispiel wurde in diesem Haus vorher noch nie gegrillt. Das hat Philipp erstmals eingeführt.

PS: Stimmt. Ich habe kurz nach dem Einzug gleich einen kleinen Grill besorgt.

SVS: Und ich habe in den ersten paar Monaten tatsächlich ein paar Pfund zugenommen.

Wer wäscht ab?PS: Sie hat eine Spülmaschine.

SVS: Die er auch unaufgefordert ausräumt!

Vom Zusammenleben profitieren jung und alt – sofern sie eine gewisse Flexibilität mitbringen

Philipp Sommer, 20

Gibt es die typischen WG-Konflikte?SVS: Nein. Wir kommen sehr gut klar. Er ist aber auch besonders wohlerzogen.

PS: Und sie ist – genau wie ich – sehr fexibel und anpassungsfähig.

Hatten Sie da Sorge?PS: Ja, zuerst schon. Bei einer älteren Dame einzuziehen, da hatte ich mit vorher natürlich Gedanken gemacht. Überhaupt dachte ich bei „Wohnen für Hilfe“ zuerst eher an Pflege. Es war aber dann schnell klar, dass sie da keinen Bedarf hat.

Waren Sie gleich per Du?PS: Nicht sofort. Ich musste ja schon warten, bis sie mir das Du anbot.

SVS: Wir haben etwa zwei Wochen zur Probe zusammengewohnt und uns erst dann geduzt. Aber ich habe schnell gemerkt, dass wir ähnliche Vorstellungen von dem Arrangement haben.

Philipp Sommer stammt aus Gehrden bei Hannover. Der 20-Jährige studiert in Köln Jura mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Wenn er nicht gerade für die Uni büffelt, spielt er Hockey, fährt Mountainbike oder trifft sich mit Freunden. Foto: Sascha Steinbach/Action Press

Und die wären?SVS: Dass wir uns nicht ins Gehege kommen wollen, gerne unsere Ruhe haben und ansonsten einfach gut miteinander auskommen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie eine Hilfe für Frau von Schwedler sind?PS: Ich glaube, ich leiste vor allem Gesellschaft. Nicht dass sie einsam wäre. Sie unternimmt viel, reist zu ihren Kindern, malt.

SVS: Mir geht es um ein bisschen Gesellschaft hier und da.

PS: Wenn es passt, gucken wir abends zusammen die Nachrichten, diskutieren und gehen öfter mal spazieren.

SVS: Spazieren heißt in dem Fall: Ich spaziere, und er dreht seine Runden auf dem Mountainbike durch den Wald. Ich fühle mich einfach viel sicherer, wenn ich weiß, dass er in der Nähe ist. Es sind so Kleinigkeiten im Alltag, die den Unterschied machen.

Was für Kleinigkeiten sind das?SVS: Ich fahre oft und gerne Auto, aber furchtbar ungern auf der Autobahn. Vor einiger Zeit hatte ich tatsächlich eine Art Panikattacke. Seitdem bin ich dann nicht mehr Autobahn gefahren – bis er mich spontan dazu animiert hat.

PS: Wir waren irgendwohin unterwegs, und ich meinte: „Lass uns doch einfach mal einen kleinen Schlenker über dieses Autobahnstück machen.“

SVS: Das war für mich sehr schweißtreibend, aber ungemein befreiend. Ohne ihn hätte ich das wahrscheinlich längst nicht gewagt.

Bringen Sie beide gute Voraussetzungen als Mitbewohner mit?SVS: Wir hatten schon in meinem Elternhaus oft Austauschstudenten und Au-pairs. Daher kenne ich dieses Zusammenleben eigentlich von klein auf.

PS: Ich war vor dem Abitur ein ganzes Jahr in den USA an einer Highschool in Michigan. Mit meiner Gastfamilie habe ich noch immer Kontakt und war im Sommer erst wieder für mehrere Wochen dort. Einen ganz schlechten Eindruck kann ich also nicht hinterlassen haben.

Würden Sie beide diese WG-Konstellation von Jung und Alt weiterempfehlen?SVS: Ja und nein.

Oh, das müssen Sie erklären!SVS: Für uns passt es, weil wir vom Typ gut zusammenpassen. Ich bin ehrlicherweise erst durch Philipp auf den Geschmack gekommen. Und ich glaube auch, dass dieses Zusammenwohnen vielen Menschen sehr guttäte – nicht nur älteren. Aber es passt sicher nicht immer. Meine Schwester zum Beispiel ist deutlich ängstlicher. Sie kann sich einen Mitbewohner überhaupt nicht vorstellen. Ich weiß auch nicht, ob ich mit jedem anderen Mitbewohner oder jeder anderen Mitbewohnerin so so gut auskäme.

Und Sie, Herr Sommer? Empfehlen Sie die Generationen-WG weiter?PS: Für meine Oma zum Beispiel wäre das wahrscheinlich nichts. Sie ist eine herzensgute ältere Dame. Aber für einen Mitbewohner liebt sie vielleicht doch ihre gewohnte Ordnung zu sehr.

Und für junge Leute?PS: Da ist das Modell gerade hier in Köln sicher eine tolle Lösung, von der Jung und Alt profitieren, sofern sie eine gewisse Flexibilität mitbringen. Auf lange Sicht würde ich persönlich jedoch gerne etwas zentraler wohnen. Ich brauche mit der Straßenbahn zur Uni fast eine Stunde. Sisi weiß, dass ich darum weiter auf der Suche bin. Aber es sollte dann schon eine WG sein, bei der im Großen und Ganzen alles stimmt.

SVS: Ich glaube auch, dass eine WG mit Gleichaltrigen ihm ganz guttäte. Er ist ja für mich auch so ein bisschen ein Studienobjekt zur Jugend von heute. Akademisch ein Überflieger und sehr intelligent. Aber wenn ich sehe, wie hart und zeitintensiv das Studieren heute ist, frage ich mich schon, wann junge Leute noch das Leben genießen sollen.

Haben Sie sich früher Gedanken gemacht, wie sie mal im Alter wohnen würden?SVS: Wenig. Irgendwann sind die Kinder ausgezogen, und ich bin hiergeblieben. Natürlich hat man sich als junges Mädchen vorgestellt, dass man irgendwie mit jemandem gemeinsam alt wird. Aber es kommt halt oft anders im Leben …

Das Haus ist recht groß für eine Person …SVS: Ja, der Gedanke, irgendwo in eine kleinere Wohnung in der Stadt zu ziehen, kommt mir immer wieder mal. Aber wozu? Einige meiner Freunde sind bereits in eine Seniorenresidenz gezogen, aber so weit bin ich noch nicht.

Und Sie, Herr Sommer?PS: Ehrlich gesagt bin ich noch nicht einmal so weit, dass ich über eine Familie oder ein eigenes Haus konkreter nachdenke. Ich möchte mein Studium schnell durchziehen, vielleicht ein paar Jahre im Ausland arbeiten, jedenfalls international tätig sein. Ich weiß also noch gar nicht, wohin es mich einmal verschlagen wird, geschweige denn, wo und wie ich einmal alt werde.