Auf den Spott musste der Kabelhersteller Leoni nicht lange warten. Als das Nürnberger Untenehmen im August 2016 bekannt machte, dass es 40 Millionen Euro an Betrüger überwiesen hatte, kürte das Manager-Magazin Leoni flugs zum „dümmsten Autozulieferer Deutschlands“. Das MDax-Unternehmen war auf Kriminelle hereingefallen, die sich in gefälschten Mails und Dokumenten erfolgreich als interne Entscheider ausgegeben und die Überweisung veranlasst hatten.
Bekannt ist diese Masche unter dem Namen „Fake President“. Leoni ist keineswegs die erste Firma, die darauf hereingefallen ist – und dürfte auch nicht die letzte sein. Welchen Erfolg die hochprofessionellen Betrüger haben, zeigen die Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA): Waren 2013 nur vier Fälle bekannt geworden, zählte das BKA 2015 schon 74 Fake-President-Opfer – fast das Zwanzigfache.

Die Täter schweigen, die Opfer ebenfalls

Für Rüdiger Kirsch sind diese Coups ärgerlich, aber nicht überraschend. Der Rechtsanwalt ist bei Euler Hermes für die Vertrauensschadenversicherung (VSV) verantwortlich und weiß, wie schwer sich viele Firmen mit dem Thema Prävention tun: „Die meisten unterschätzen, wie schnell sie Opfer von Wirtschaftskriminalität werden können.“ Ein Grund sei, dass so gut wie niemand über erfolgreiche Taten spreche. Die Opfer hätten ebenso großes Interesse wie die Täter, alles möglichst heimlich, still und leise zu behandeln.
Dass die Unternehmen damit im Zweifel wirklich besser fahren, zeigt die KPMG-Studie „Wirtschaftskriminalität 2016“: Die Mehrzahl der befragten Firmen gibt an, ihre Geschäftsbeziehungen nach einem kriminellen Vorfall beim Partner kritisch zu prüfen und unter Umständen sogar zu beenden. Der Vertrauensverlust kann damit schnell noch teurer werden als die eigentliche Tat. „Betroffene Unternehmen fürchten um ihre Reputation und um ihr Geschäft – und verzichten in vielen Fällen daher sogar auf eine Strafanzeige“, bestätigt Kirsch.
Eine Folge des großen Schweigens: Das Dunkelfeld bei der Wirtschaftskriminalität ist riesig, die bekannt werdenden Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Wie viele Fälle es gibt und wie groß die Schäden sind, lässt sich nur schwer beziffern – aber es gibt Annäherungen. In der KPMG-Studie gaben über ein Drittel der befragten Unternehmen zu, in den vergangenen zwei Jahren von Wirtschaftskriminalität betroffen gewesen zu sein. Ähnliche Resultate ergeben die Zahlen der Assekuranz: Nach den Statistiken des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kommt jährlich auf etwa jede siebte Vertrauensschaden-Police ein Schaden. „Dabei versichern sich nur solche Unternehmen, die das Risiko ernst nehmen und sich auch im Unternehmensalltag gegen Kriminelle schützen“, so Kirsch, der im GDV die VSV-Arbeitsgruppe leitet. Seine Schlussfolgerung: Weil die Prävention in der Mehrzahl der Betriebe nicht den nötigen Stellenwert habe, dürften sie noch häufiger betroffen sein.

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Die Täter kommen dabei keineswegs immer von außen. Fremde sind bei Delikten wie Betrug, Untreue, Diebstahl und Unterschlagung nur ein Teil der Gefahr. Die Mehrzahl dieser Straftaten wird von den eigenen Mitarbeitern begangen. „Die Kollegen kennen den Betrieb und die Abläufe genau, zudem wird ihnen das größte Vertrauen entgegengebracht. Daher sind ihnen kriminelle Machenschaften in vielen Unternehmen zu einfach möglich“, sagt Kirsch. Beispiele gibt es trotz aller Verschwiegenheit genug: VW-Arbeiter klauen mehrere Tonnen Katalysatorenstaub, ein Aldi-Filialleiter stiehlt insgesamt 260.000 Euro aus der Supermarktkasse, und ein Mitarbeiter der Stadt Frankfurt verkauft auf eigene Rechnung 6000 Liter Fassbier.
Bei solchen Diebstählen aus dem Lager oder dem sprichwörtlichen Griff in die Kasse fange das Problem laut Kirsch aber erst an – wirklich teuer wird es, wenn Einkäufer, Buchhalter oder Manager Briefkastenfirmen gründen, Aufträge erfinden, Umsätze und Bilanzen fälschen. Einen Eindruck von der Höhe der Schäden gibt ebenfalls die KPMG-Studie, nach der jeder einzelne Fall von Diebstahl und Unterschlagung im Durchschnitt 1,6 Millionen Euro, im Fall von Betrug und Untreue sogar 4 Millionen Euro kostet.

Männlich, über 40, gebildet, kriminell

Doch wann und warum werden Mitarbeiter zu Wirtschaftsstraftätern? Dieser Frage ist Hendrik Schneider von der Universität Leipzig nachgegangen (siehe Interview auf Seite 31). Sein Ergebnis: Handlungsleitend sei bei fast allen die Absicht, sich selbst zu bereichern. „Den Tätern kommt es auf den eigenen Vorteil, nicht auf den Schaden für das Unternehmen an“, sagt Schneider. „Der Grund: Die meisten pflegen einen Lebensstil, der mit dem eigenen Einkommen langfristig nicht finanziert werden kann.“
Schneiders Studien zufolge sind kriminelle Mitarbeiter in der Regel über 40 Jahre alte Männer deutscher Staatsangehörigkeit mit überdurchschnittlicher Bildung. Sie sind schon längere Zeit in ihrem Unternehmen beschäftigt und bekleiden häufig verantwortliche Positionen.
Die zwei Typen von kriminellen Beschäftigten treten laut Schneider gleich häufig auf: Die „Gelegenheitssucher“ schaffen sich zielstrebig mit hoher krimineller Energie günstige Tatgelegenheiten. Ihnen gegenüber stehen die „Gelegenheitsergreifer“, die eine Chance erkennen und ergreifen.
Beiden Typen sollten Firmen so wenig Chancen wie möglich bieten: „Die Täter schlagen vor allem dann zu, wenn sie die Chance bekommen, mit wenig Aufwand viel Geld in die eigenen Taschen lenken zu können“, sagt Schneider. Um sich wirksam zu schützen, empfiehlt er den Firmen, ein Compliance-System aufzubauen – und dabei keine halben Sachen zu machen. Für ein umfassendes und erfolgreiches System zur Abwehr von Wirtschaftskriminalität gibt es inzwischen anerkannte Standards.
Diese Standards geben den Firmen vor, Kontrollsysteme effektiv und wirksam zu gestalten und sensible Bereiche doppelt abzusichern. Sinnvoll ist es auch, einen verbindlichen Verhaltenskodex festzulegen und alle Mitarbeiter entsprechend zu schulen, einen Compliance-Verantwortlichen zu benennen und ein regelmäßiges Compliance-Reporting einzuführen.
Damit Mitarbeiter einen Verdacht melden können, empfiehlt es sich, ein Hinweisgebersystem zu etablieren. Und wenn eine Straftat entdeckt wird: Null-Toleranz-Strategie umsetzen und Vergehen konsequent ahnden. Ein Restrisiko lässt sich gleichwohl nicht ausschließen, aber über eine Vertrauensschadenversicherung absichern.
Diese Versicherung entschädigt Unternehmen, wenn sie Opfer von kriminellen Vertrauenspersonen geworden sind – also wenn Mitarbeiter Geld unterschlagen, das Unternehmen sabotieren, Geschäftsgeheimnisse verraten oder sich der Untreue schuldig machen. Kriminelle Machenschaften von Zeitarbeitern oder Mitarbeitern von Dienstleistern sind ebenfalls versichert. Vorsätzliche Taten von Fremden – wie etwa bei Fake-President- Fällen – können zusätzlich mitversichert werden.
Wie sinnvoll diese Versicherung und das Einführen von Kontrollsystemen sind, sei den Firmen durchaus bewusst, sagt GDV-Experte Kirsch. „Das Wissen ist da – und wird dennoch von vielen Unternehmen nicht genutzt.“ Dabei gehöre Compliance-Management heute zur guten Unternehmensführung dazu – mit allen Konsequenzen. „Allzu sorglose Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte können nach einem Schadenfall auch persönlich haftbar gemacht werden, wenn sie den Schutz vor Wirtschaftskriminalität fahrlässig außer Acht gelassen haben“, warnt Kirsch.

Gefährdet sind immer nur die anderen

Deutlich wird der „blinde Fleck“ vieler Verantwortlicher auch in der KPMG- Studie. In einer Abwandlung des Sankt-Florians-Prinzips wissen viele Manager zwar um die Gefahren, sehen sie aber eher bei anderen als bei sich selbst: So meinen 80 Prozent der Befragten, dass Wirtschaftskriminalität für deutsche Unternehmen eine große Gefahr sei – für das eigene Unternehmen wird diese Gefahr aber nur von 32 Prozent gesehen. Und: Fast die Hälfte meint, das Risiko werde in Zukunft größer – aber wachsende Risiken für das eigene Unternehmen erkennen nur 29 Prozent.
Angesichts dieser Zahlen fast schon folgerichtig erscheint da, dass Unternehmen eher bereit sind, für die Reaktion auf bereits geschehene Straftaten Geld zu bezahlen, als in die Prävention zu investieren. Fast schon resigniert fällen die Wirtschaftsprüfer von KPMG angesichts der Antworten das in ihrer Welt wohl denkbar schlechteste Urteil: Der Umgang vieler Unternehmen mit der Gefahr von Wirtschaftskriminalität „widerspricht dem ökonomischen Prinzip“.