Damit freiberufliche Hebammen weiterhin Geburtshilfe leisten können, müssen sie finanziell entlastet werden. Der GDV tritt für eine langfristige Lösung ein.

Als vor vier Jahren Janne geboren wurde, ihre große Tochter, war alles so einfach. Mitten in der Nacht gingen die Wehen los. Miriam Müller schnappte sich die gepackte Tasche, setzte sich auf den Beifahrersitz und ließ sich von ihrem Freund in die Klinik im nahen Westerland fahren, wo die Hebamme schon wartete. Es dauerte nur wenige Stunden, dann war Janne da. „Es war genau so, wie man sich eine Geburt wünscht“, sagt die Sylterin.

Heute sitzt die 25-Jährige auf ihrem Sofa in Tinnum und blickt verliebt auf den Säugling neben sich. Vor elf Tagen erst ist Miriam Müller zum zweiten Mal Mutter geworden. Mats ist kerngesund, und die Entbindung war unkompliziert. Und doch war dieses Mal alles anders.

Wenn Miriam Müller über Mats‘ Geburt spricht, erzählt sie nicht von der Vorfreude auf das Baby. Sie spricht von Kosten, einem durchorganisierten Betreuungsplan für Janne und davon, wie das Warten auf die Wehen an ihren Nerven gezehrt hat. Dieses Mal musste sie zur Geburt ins Exil, nach Husum, lange vor dem errechneten Termin, damit die Wehen auf keinen Fall auf der Insel losgehen. Hier hätte sie Mats nicht bekommen können. Seit 2014 gibt es auf Sylt keine Geburtshilfe mehr.

Ausgerechnet Sylt. Die Nordseeinsel mit den weitläufigen Dünen, restaurierten Reetdachhäusern und Strandbars, an denen die Touristen zum Mittagessen Scampis bestellen. Wer hier flaniert, glaubt nicht, in der Einöde gelandet zu sein. Doch ausgerechnet die noble Ferieninsel ist zum Beispiel für ein medizinisches Notstandsgebiet geworden, wie es auch andernorts droht. In Deutschlandgibt immer weniger Hebammen, die Schwangere im Kreißsaal, im Geburtshaus oder bei der Hausgeburt begleiten. Von den bundesweit rund 16.000 freiberuflichen Hebammen bieten nur noch rund 3000 auch Geburtshilfe an.

Diese Entwicklung wird jetzt sogar im Kino nachgezeichnet: In „Einsame Geburt – Hebammen in Not“, der im Mai Premiere feierte, beschreibt die Dokumentarfilmerin Nadine Peschel das Ringen um die Zukunft der freien Hebammen (siehe Interview).

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