Etwas braunes Wasser schwappt den Radweg entlang, als Johannes Obermair seine Handykamera aus dem Lkw-Fenster hält. Zwei Minuten später schon treibt ein Auto den Radweg vorbei, und die Fluten erreichen Obermairs Führerhaus. Der Lkw-Fahrer öffnet die Dachklappe und rettet sich nach oben, mit knapper Not.
Hochwasser kennen sie in Niederbayern. Aber so etwas? Am Tag nach der Flut liegen im Inn-Städtchen Simbach Häuser in Trümmern, Autos stecken mit dem Dach voran im Schlamm, Straßenlaternen sind wie Strohhalme umgeknickt. Auf 1,2 Milliarden Euro belaufen sich die versicherten Schäden, die Stürme und Starkregen zwischen dem 27. Mai und 9. Juni angerichtet haben. 200 Millionen Euro davon entfallen auf die Kfz-Versicherung. „Noch nie haben Unwetter mit heftigen Regenfällen innerhalb so kurzer Zeit so hohe Schäden verursacht“, so der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Alexander Erdland. Dabei dürfte der Gesamtschaden deutlich höher sein – in vielen Regionen sind weniger als ein Drittel der Häuser gegen solche Unwetter versichert – obwohl sich schon heute gut 99 Prozent aller Gebäude in Deutschland versichern lassen.
Fest steht: In diesem Jahrhundert müssen wir mit Naturkatastrophen häufiger rechnen. Was das für Deutschland bedeuten könnte, zeigten die vergangenen Wochen. Einzelne Regionen im Süden und Westen schienen im Dauerregen zu ertrinken. Im Norden hingegen zogen Tornados durch Schleswig-Holstein und Hamburg. Die Aufzeichnungen der Wissenschaftler belegen: Es gibt heute zwar kaum mehr Starkregen-Ereignisse als vor 50 Jahren, aber ihre Wucht hat ebenso wie die von Gewittern und Hagelschauern zugenommen. Das liege daran, dass die Temperaturen insgesamt gestiegen seien, erklärt Roland Roth von der Wetterwarte Süd. „Die Luft kann daher mehr Wasserdampf aufnehmen. Deshalb ist das Potenzial für Schauer und Gewitter weitaus größer als früher.“ Es werde künftig mehr Tage ohne Regen und zugleich öfter extreme Niederschläge auf engem Raum geben, so Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: „Auf beide Extreme sollten wir uns künftig einstellen.“
Das gilt auch für die Versicherer. Sie wappnen sich für Wetterextreme. Etwa durch eine zügige Regulierung versicherter Schäden oder auch durch stärkere Vertriebsaktivitäten. Schließlich sind in einigen Bundesländern erstaunlich wenige Gebäude gegen Elementarschäden versichert. In Niedersachsen etwa nur 17 Prozent.
Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) fordert gar eine „Klimaversicherung“, in die jeder Bürger einzahlen solle. Und Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann macht sich für eine Pflichtversicherung stark. Das hält GDV-Präsident Erdland für den falschen Weg. Durch die Pflicht gehe „der Anreiz für Eigenvorsorge und Prävention verloren“. Eine Elementarschadenversicherung abzuschließen, hält Erdland hingegen für sinnvoll: Sie schützt Hauseigentümer und Mieter vor den Folgen von Naturkatastrophen zuverlässig.