Morgens bleibt der Wecker stumm. Statt Abteilungsversammlung steht Zeitunglesen auf dem Programm für Eckhard Priller. Kaffeetasse statt Kantine. Der 68-Jährige könnte überlegen, ob er den Winter auf Gran Canaria verbringen oder doch lieber an der Volkshochschule einen Italienischkurs besuchen will. Doch Priller findet beides ziemlich langweilig. Er hat Besseres vor. Ende 2015 war er als Wahlbeobachter für die OSZE in Usbekistan, und als Co-Direktor des Maecenata Instituts in Berlin arbeitet er weiter an seinem Lebensthema, der Zivilgesellschaft.
So wie Priller gibt es viele Ältere, die ihre Zeit nicht ziellos verbummeln wollen. Nonstop Dauerurlaub, Konsum und Genuss – nein danke! Sie möchten etwas Sinnvolles tun. „Auslöser für Engagement ist oft, dass Bürger sehen, dass etwas getan oder verändert werden muss“, sagt Priller, der lange am Wissenschaftszentrum Berlin das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland erforscht hat. „Gerade für Ältere ist ein Ehrenamt aber auch dazu da, neue Leute kennenzulernen und sich selbst nach dem Ende der Erwerbstätigkeit eine neue Selbstbestätigung zu suchen.“

Ruhestand sei eine „zynische Formulierung“, sagt Henning Scherf deshalb. Für Bremens Ex-Bürgermeister bildet die Generation der Älteren die „klassische ehrenamtliche Basis“. Rentner verfügen dabei über einen entscheidenden Vorteil gegenüber jüngeren Menschen: Sie haben Zeit.

Vorlesen bildet: Mögen die Bilder auch dreidimensional werden: Vorlesen stärkt den Kontakt zwischen den Generationen – und hilft beim Deutschlernen

„Hausaufgabenhilfe zum Beispiel können Senioren gut bewältigen“, sagt Priller. Für Berufstätige sind solche Jobs am Nachmittag kaum zu schaffen. Er findet es wichtig, dass Ältere sich generationenübergreifend engagieren. Da gebe es Nachholbedarf.
Nicht bei Doris Wagner: Ihr macht das Zusammensein mit Kindern Freude. Gern ist sie mit ihrer kleinen Enkelin zusammen, doch einmal die Woche nimmt sie sich auch Zeit für die Kinder einer Münchner Förderschule. Ihre drei kleinen Lesepaten machen der 67-Jährigen viel Freude. „Ich gehe da jedes Mal mit einem guten Gefühl raus, das gibt mir eine gewisse Zufriedenheit“, erzählt die Rentnerin. „Und es hält mich ja auch jung.“

Der Wunsch nach Verbindlichkeit

Daneben leitet die Betriebswirtin einen Oxfam-Shop, ebenfalls ehrenamtlich. Dort werden gespendete Bücher, Kleidung oder auch Schmuck verkauft, der Erlös geht an Entwicklungsprojekte. Doris Wagner steht einmal in der Woche im Laden, kümmert sich auch um Organisatorisches. „Pflichten geben dem Leben ja Struktur“, sagt sie. Ihr Lohn sind die vielen neuen Kontakte und Freundschaften. Dafür sei früher neben Kindern, Mann und Beruf viel zu wenig Zeit geblieben.
Wissenschaftler Priller hat das Engagement von freiwilligen Helfern in den Oxfam-Shops untersucht. Mitarbeiter wie Doris Wagner müssen sich für mindestens eine Schicht pro Woche zur Mithilfe verpflichten. „Das ist für junge Leute schwierig“, erklärt Priller. In allen Bereichen, die eine gewisse Verbindlichkeit erfordern, seien die Alten klar im Vorteil. Auch wer etwa in einem Hospizverein Sterbende begleite, müsse seine Zeit verbindlich bereitstellen und könne nicht kurzfristig abspringen.
Senioren sind also für viele Ehrenämter eine wertvolle Ressource. Sie sind fit, bleiben länger aktiv und wollen Verantwortung übernehmen. Früher haben sie sich häufig in der Oma- oder Opa-Rolle ausgelebt. Doch bei vielen lassen die Enkel auf sich warten oder wohnen nicht zwei Straßen weiter, sondern am anderen Ende der Republik. Roland Krüger und Loring Sittler laden deswegen die Generation 55plus mit ihrem Buch „Wir brauchen Euch!“ ein, sich zu engagieren. Für sie sind die Alten eine Zielgruppe mit „hohem Zukunftspotenzial“, das es zu heben gilt. Sittler und Krüger rufen dazu auf, Abschied zu nehmen von der „Ruhestandsmentalität der industriellen Gesellschaft“.

Ferndiagnostik: Moderne Technologie ermöglicht den Einsatz von Know-how, ohne dass die Experten vor Ort sein müssen.

Die Statistik gibt ihnen recht: Laut Generali Altersstudie ist jeder Fünfte in der Generation der 65- bis 85-Jährigen grundsätzlich bereit, sich mehr zu engagieren als bisher. Die Lust aufs geruhsame Nichtstun schwindet. Dabei ist der Anteil der Menschen, die in Kirche, Kegelclub oder in der Nachbarschaftshilfe aktiv sind, sowieso schon hoch: 45 Prozent der Befragten sind freiwillig engagiert.
Mit diesem Anteil entsprechen die Senioren ziemlich genau dem bundesdeutschen Durchschnitt. 31 Millionen Menschen engagieren sich laut Deutschem Freiwilligensurvey von 2014 freiwillig, knapp zehn Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Einziger Wermutstropfen: Die Befragten nehmen sich weniger Zeit fürs Ehrenamt. Nur sechs Prozent aller Engagierten waren laut Freiwilligensurvey mehr als sechs Stunden pro Woche aktiv.
Gerade jüngeren Menschen fehlt die Zeit. Sie bringen Familie, Karriere, Freunde und Freizeit eh schon kaum unter einen Hut. Hinzu kommt: Viele Aufgaben sind ihnen zu wenig flexibel, spontan oder individuell. Wer sich engagiert, will sich persönlich einbringen, kreativ sein, mitbestimmen. Traditionelle Wohlfahrtsverbände, Kirchen oder Vereine tun sich damit schwer. Bei Jüngeren wird Engagement daher immer häufiger digital definiert. Die Internetplattform Betterplace.org hat seit ihrer Gründung vor zehn Jahren 40 Millionen Euro Spenden für diverse Projekte gesammelt.
Online-Petitionen auf change.org sammeln Unterschriften für mehr Tierschutz, das Bleiberecht von Flüchtlingen oder eine David-Bowie-Straße in Berlin. Wer die Petitionen unterstützt, kann die Forderung anschließend noch auf Facebook teilen und so seine Freunde zum Mitmachen animieren.

Click & Help: Die „gute Sache“ online mit einem Klick zu unterstützen ist einfach – vielleicht zu einfach. Es sei denn, es triggert echtes Engagement.

Ist das aufgeregter „Clicktivismus“, der in der realen Welt nichts verändert? Oder ist es eine besonders effiziente Form des bürgerlichen Engagements, mit der sich Hunderttausende erreichen lassen? Christoph Bautz vom Kampagnenportal Campact sieht das Online-Engagement als „niederschwelligen Einstieg“. Auch Jugendforscher Wolfgang Gaiser findet es gut, wenn junge Menschen online abgeholt werden. Dennoch findet er, dass „das Engagement vor Ort noch mal eine andere Qualität hat“. Campact organisiert daher auch Aktionen auf der Straße. Und mobilisiert dort durchaus mal mehr Unterstützer als die etablierten Umweltaktivisten von Greenpeace.

Die Freude, anderen zu helfen

Manfred Lämmermann aus Köln muss für den niederschwelligen Einstieg nicht auf das Internet zurückgreifen. Wenn er aus dem Haus geht, sieht er jede Menge Menschen, die Hilfe bräuchten. „Ich habe auch schon Kärtchen mit der Telefonnummer der ,Helfenden Hände Deutz‘ verteilt“, erzählt er. Das ist die Hilfsorganisation, für die er sich engagiert. „Doch da hat sich niemand gemeldet. Ich glaube, viele trauen sich nicht, fremde Hilfe anzunehmen.“ Manfred Lämmermann, 72 Jahre, Rentner, kümmert sich um hilfsbedürftige Senioren. So besucht er etwa einmal die Woche einen seh- und hörbehinderten Mann. Er geht mit ihm einkaufen, macht Arztbesuche und leistet ihm zu Hause ein wenig Gesellschaft. „Ich weiß, dass der sich richtig freut, und ich kann ihm auch richtig helfen“, erzählt Lämmermann. „Das ist herrlich!“

Ein Ehrenamt bietet die Chance, sich selbst eine neue Selbstbestätigung zu suchen

Eckhard Priller, Co-Direktor des Maecenata Instituts

Mediziner wissen, dass soziales Engagement ein echter Gewinn sein kann – für die Helfer. Wer ehrenamtlich unterwegs ist, wird seltener ernsthaft krank. Das behaupten zumindest die US-Medizinsoziologen John Wilson und Marc Musick. Sie haben Studien zusammengetragen, die den Effekt von Freiwilligen-Arbeit auf die geistige und körperliche Gesundheit untersuchen. Ihr Fazit: Wer sich engagiert, ist sozial integriert, wird wertgeschätzt und hat das Gefühl, etwas im Leben zu bewirken. Das alles wirkt sich positiv auf die psychische Gesundheit aus. Je mehr sich Menschen engagieren, desto geringer ist für sie die Wahrscheinlichkeit einer Depression.
Nicht zuletzt steigert Engagement Lebensfreude und -dauer. Die US-Forscher fanden heraus: Wer sich freiwillig engagiert, lebt länger.