Angesichts der immer stärker global verflochtenen Warenströme wird eine Absicherung etwa in der Elektronikindustrie jedoch immer wichtiger. Und obwohl die Unternehmen daran arbeiten, ihre Lieferketten transparenter zu machen, reichen die Informationen selten aus, um das Risiko einer Betriebsunterbrechung adäquat einzuschätzen. Im Internet hingegen gibt es dazu einen riesigen Fundus an Informationen – frei verfügbar, aber nicht strukturiert. „Gelingt es uns, mithilfe von Big Data die Lieferketten besser zu verstehen, könnten wir weit mehr und risikogerechtere Versicherungen anbieten“, sagt Böhmer. Indem sowohl neue Betriebsunterbrechungs-Policen geschlossen als auch Schadensrisiken minimiert werden, erhofft sich Munich Re so allein durch dieses eine Pilotprojekt, ein Potenzial in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags zu erschließen.

Risiken verschieben sich

Intelligente Suchprogramme zu entwickeln, die sich im Laufe der Zeit selbst optimieren, ist daher die große Aufgabe des neu gegründeten Data Analytics Center der Munich Re. Insgesamt fünf Pilotprojekte hat Munich Re derzeit gestartet, in denen der Rückversicherer herausfinden will, wo das Sammeln und Auswerten großer Datenmengen die Risikoprüfung und die Preispolitik optimieren kann. Gleichzeitig zeichnet sich durch die Digitalisierung der Gesellschaft eine Verschiebung der zu versichernden Risiken ab.

Das zeigt sich gut am Beispiel des autonomen Fahrens: Je selbstständiger das digital voll vernetzte Auto eines Tages fahren wird, umso weniger relevant wird die Haftpflichtversicherung für den Fahrer. Im Gegenzug werden jedoch Produkthaftung und die Folgen der Cyberkriminalität immer wichtiger. Munich Re schätzt das Beitragsaufkommen für Versicherungen gegen Cyberrisiken im Jahr 2014 auf etwa zwei Milliarden Dollar allein in den USA. Zum Vergleich: Weltweit verursachten Hacker laut Sicherheitssoftware-Anbieter McAfee jährlich Schäden von rund 445 Milliarden Dollar. Für Versicherer eröffnet sich damit ein gigantischer Wachstumsmarkt.

Neue Konkurrenten aus dem WWW

Ein Markt, in dem neue Spielregeln gelten. Das zeigt sich im Vertrieb: Während vor zehn Jahren die meisten Kunden ihre Versicherungsangelegenheiten über Vertreter regelten, informiert sich heute bereits jeder zweite auch im Internet. Das hat neue Konkurrenten gelockt. Vergleichsportale wie check24 und Verivox bieten eine Kombination aus Preisvergleich, Produkt- und Servicebewertungen. „Die Portale haben das Potenzial, Game Changer zu sein“, sagte Ergo-Vorstand Daniel von Borries im Dezember auf der Konferenz „Versicherung und Internet“. In Großbritannien ist Google bereits seit 2011 mit einem eigenen Vergleichsportal auf dem Markt; hiesige Aggregatoren rüsten sich schon seit Längerem für Googles Markteintritt in Deutschland.

„Mit den IT-Unternehmen und den Versicherern treffen zwei Welten aufeinander“, sagt Markus Franke, Partner und Digitalisierungsexperte bei der Unternehmensberatung BearingPoint. Während die traditionell orientierten Versicherer auf Wirtschaftlichkeitsberechnungen pochten, hätten Newcomer einen entscheidenden Vorteil: Schnelligkeit. Eine ganze Branche zu digitalisieren dauert naturgemäß ungleich länger und erfordert Milliardeninvestitionen. „Wer jetzt noch auf den sicheren Business-Case wartet, läuft Gefahr, dass die Konkurrenz links und rechts an ihm vorbeizieht“, meint Franke.

Neben den Vergleichsportalen kommen neue Mitstreiter immer öfter auch in Form von Start-ups wie AppSichern daher. Das ist eine App, die Kurzentschlossenen Versicherungen für unterwegs wie Unfallschutz im Ski- oder Surfurlaub anbietet. Bei Friendsurance wiederum können Kunden über Facebook ein Sicherheitsnetz von Freunden gewinnen, in dem die Beteiligten bei kleineren Schäden selbst Geld zusammenlegen. Dafür werden ihnen im Gegenzug rabattierte Tarife von Haftpflicht-, Hausrat- und Rechtsschutzversicherungen gewährt. Der niederländische Versicherer Kroodle wiederum vertreibt seine Policen rund um die Uhr über Facebook und wirbt mit Abschlüssen innerhalb einer Minute.

Währung „Vertrauen“

Allerdings ist das Geschäft der Versicherer untrennbar und viel stärker als in anderen Branchen mit dem Vertrauen ihrer Kunden verbunden „Das müssen sich die Newcomer erst verdienen“, sagt Franke. Doch die Marktdynamik ändert sich. In Zukunft müssen Versicherer die Präferenzen und Wünsche ihrer Kunden weit besser kennen. „Convenience ist der Treiber, Vertrauen ist die Währung“, sagt Karl-Heinz Land, Gründer der auf die Digitalisierung spezialisierten Unternehmensberatung Neuland. Für mehr Komfort sind viele Kunden bereit, auch mehr Daten von sich preiszugeben – aber nur, wenn das Vertrauen stimmt.

Das weiß auch die Allianz. „Wir müssen die Agentur um die Ecke an die digitale Welt anschließen“, sagt Bernd Heinemann, Vorstand Marktmanagement der Allianz Deutschland. Für dieses Projekt hat der Branchenprimus ein rund 200 Millionen Euro schweres Programm aufgelegt. Erster wichtiger Baustein der Strategie war der Start des Online-Portals „Meine Allianz“, über das Kunden ihre Verträge auch online verwalten können. Im Herbst 2014 folgte ein Generalumbau des Internetauftritts, bei dem die Darstellung von Produkten und Services grundlegend überarbeitet wurde. Außerdem wurden die individuellen Webseiten der rund 8500 Allianz-Agenturen nahtlos mit der Homepage allianz.de verbunden. „Auch in Zukunft wird der überwiegende Teil der Online-Reisen von Kunden und Interessenten bei einem der Vertreter enden“, sagt Klaus Driever, Leiter Digitaler Verkauf bei der Allianz Deutschland. „Menschen mögen Menschen, persönliche Beratung und Service haben auch in der digitalen Welt für Kunden einen hohen Stellenwert. “Diese Überlegung war auch Ideengeber für eine neue Kfz-Versicherung, „Mein-Auto digital+“, die Online-Information mit persönlichem Service im Bedarfsfall verbindet.

Der „Gefällt mir“-Vertreter

Wie viel Vertrauen der Kontakt über das Netz schafft, das spürt Volker Büscher seit zwei Jahren jeden Tag aufs Neue. Um junge Leute anzusprechen, fing der Kölner Allianz-Vertreter an, Fotos und Videos von sich und seiner Boxerhündin Hera auf Facebook zustellen, und verlinkte sie mit seiner Vertreter-Homepage. Seitdem ist Büscher mit 5866 „Gefällt mir“-Angaben für eine wachsende Fangemeinde zur Marke geworden. Jeden Monat bekommt seine Allianz-Seite allein über Facebook zwischen 5000 und 6000 Klicks. Laut Allianz verkauft der 37-Jährige heute mehr Tierkrankenversicherungen als jeder andere in Deutschland. Kürzlich rief ihn eine Facebook-Freundin bis nach Ostfriesland, um 20 Pferde und das Gestüt zu versichern. Auf Büschers Frage, warum ausgerechnet er und nicht die Allianz-Agenturkollegen vor Ort, antwortete die Kundin: „Die anderen kenne ich doch gar nicht.“ Büscher: „Da habe ich eine Gänsehaut bekommen.“

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