Viele Brücken und Autobahnabschnitte sind marode, zugleich nimmt der Verkehr im Transitland Deutschland immer mehr zu. Stehen wir kurz vor dem Verkehrsinfarkt? Kienzler: Vielleicht nicht unmittelbar davor. Aber alarmierend ist es schon, dass unsere bestehenden Straßen und Schienen immer mehr kaputtgehen, weil wir sie einfach nicht konsequent genug modernisieren. Stattdessen fahren wir in Deutschland auf Verschleiß. Das hat gravierende Folgen, wie das Nadelöhr an der A 1 bei Leverkusen beweist. Dort ist eine Brücke für Lkw ab 3,5 Tonnen gesperrt.

Wie erklären Sie den schlechten Zustand der deutschen Infrastruktur? Kienzler: Wegen vieler Neubauten im Zuge der Wiedervereinigung und Neubauprojekte im Rahmen der Bundesverkehrswegeplanung, die nach eher politisch motiviertem Proporzdenken realisiert wurden, hat man geradezu vergessen, dass viele Brücken auf Autobahnen am Ende ihrer Lebensdauer angekommen sind. Sie sind 30 oder 40 Jahre alt, wurden aber nicht rechtzeitig erneuert.

Zur Person

Hans-Paul Kienzler

Der diplomierte Volkswirt leitet den Bereich Mobilität & Transport bei der Prognos AG in Basel. Seit 30 Jahren erforscht er den Verkehr. Dabei hat er die Märkte in Frankreich, Belgien, Spanien, Norwegen, der Slowakei und Peru für die Transportindustrie untersucht.

Hans-Paul Kienzler

Kritzinger: Nach der Wiedervereinigung investierte man auch in Neubauprojekte, bei denen man die künftige Verkehrsnachfrage erheblich überschätzt hat. Beispielsweise wurde die vierspurige A 20 entlang der Ostsee errichtet, obwohl bei der heutigen Verkehrsbelastung auch eine Bundesstraße gereicht hätte.

Kienzler: Die Modernisierungsproblematik wird leider noch akuter, weil unsere Straßen und Schienen in Zukunft noch stärker belastet werden. Der Güterverkehr wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen – vor allem auf der Straße, auf die bereits heute 80 Prozent des Transportaufkommens entfallen. Laut unseren Prognosen wird die Verkehrsleistung im Güterverkehr bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent gegenüber dem Niveau von 2010 zunehmen. Das ist eine große Herausforderung für unsere Infrastruktur.

Wie können Sie das so genau voraussehen? Kritzinger: Aus sozioökonomischen Daten wie dem Bevölkerungswachstum und der Wirtschaftsentwicklung können wir den Verkehr prognostizieren. Dabei unterstellen wir einen Zusammenhang zwischen ökonomischer Entwicklung und Güterverkehrsleistung. So führt – vereinfacht gesagt – ein Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um den Wert x zu einer Zunahme der Transportnachfrage um den Wert y. Dieser Zusammenhang wird auch in Zukunft bestehen bleiben – davon gehen wir fest aus, weil die Exportorientierung ein fester Bestandteil unserer Wirtschaft bleiben wird.

Werden wir neue Straßen bauen müssen, um den Verkehrszuwachs aufzufangen? Kienzler: Viel wichtiger ist es aber, die bestehenden Straßen und Schienen zu modernisieren. Leider sind wir da in Deutschland auf einem schlechten Weg. Im jährlichen Ranking des Weltwirtschaftsforums ist Deutschland bei der Qualität des Straßennetzes 2014 nur auf Platz 13 von 144. 2008 waren wir noch Vierter.

Kritzinger: In der Tat kommt das deutsche Fernstraßennetz allmählich in die Jahre. Die Straßen werden älter und sind weniger leistungsfähig. Deutschland ist das Land in Europa, in dem Autobahnen und Eisenbahnstrecken am stärksten beansprucht werden. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Infrastruktur hierzulande einem starken Verschleiß ausgesetzt ist. In anderen Ländern wie Frankreich oder Spanien, die ein ähnlich großes Autobahnnetz aufweisen, dürften die Autobahnen länger halten – weil sie weniger intensiv von Lkw befahren werden. Denn das, was eine Autobahn kaputt macht, sind Lkw – und die benutzen nun mal am häufigsten deutsche Autobahnen.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat die mangelhafte Modernisierung der Infrastruktur? Kienzler: Allein die Sperrung der Leverkusener Autobahnbrücke richtete zwischen Dezember 2012 und März 2013 einen volkswirtschaftlichen Schaden von etwa 80 Millionen Euro an. Seit Juni 2014 ist die Brücke wieder gesperrt. Das heißt, der Schaden wird noch größer. Und das ist nur ein Einzelfall.

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