Agneta zuckt mit ihrem Arm, der Löffel kippt, und gelbe Linsen hüpfen über den Tisch. Die zwei Männer an den Tellern lachen: Gute Stimmung im Smart Home für Senioren! Die sogenannte Ermündigungs-Musterwohnung in Berlin steckt voller Technik und Design für ältere und eingeschränkte Menschen: Geräte, die leicht zu bedienen sind und helfen, ein selbstständiges Leben zu führen. Doch sie brauchen Gewöhnung, wie man an Agneta sieht. Der weiße Tischroboter aus Schweden füttert Menschen, die keine Arme haben oder diese nicht bewegen können. Bedient wird er mit einem Schalter unterm Po oder Fuß. Und mit Übung, offenbar. Tom Bieling, 38, und Detlev Gühmann, 81, haben Spaß beim Ausprobieren. Die Berliner sind Experten für ein Design, das älteren und behinderten Menschen hilft: Bieling als Wissenschaftler am Design Research Lab der Universität der Künste (UdK), Gühmann als Mitglied der Senior Research Group, die ehrenamtlich deutschlandweit mit Entwicklern und Forschern zusammenarbeitet und Erfindungen testet.

Wie gefällt es Ihnen hier in der Musterwohnung?Detlef Gühmann: (lacht) Es ist fast ein bisschen viel, das überwältigt einen schon. Aber man muss ja zeigen, was es alles gibt. Ein paar von diesen Dingen wollen wir von der Senior Research Group bald auch im Haushalt ausprobieren.

Tom Bieling: Bei Ihnen zu Hause? Das ist total wichtig. Erst im Alltag findet man heraus, ob eine Sache wirklich gut designt ist. Wer sie nur mal kurz antestet, kann das gar nicht beurteilen.

Kennen Sie beide sich eigentlich?DG: Nein, aber wir sollten mal was zusammen machen. Ich bin ja schon seit 15 Jahren dabei, und es gab schon mehrere interessante Projekte mit Mitarbeitern und Studenten der UdK. Die haben einfache Lösungen entwickelt, einen Schuh mit Klettverschluss hinten zum Beispiel, für den man keinen Anzieher brauchte.

TB: Heute machen wir komplexere Dinge wie den Lorm-Handschuh, mit dem Taubblinde kommunizieren. Beim Lormen werden Buchstaben mit der Fingerspitze auf die Hand des Adressaten geschrieben, dafür muss man immer zu zweit an einem Ort sein. Der Handschuh macht die Taubblinden unabhängig. Er empfängt Text und setzt ihn in Berührungssignale um, sie können aber auch auf dem Handschuh schreiben, und er schickt die Botschaft ab. So kann man mailen, aber auch Bücher oder Hörbücher konsumieren.

Ein Ding muss funktional sein, aber bitte auch schön – es braucht eine ansprechende Form

Detlef Gühmann, 81

Wie kamen Sie dazu, solche Dinge zu entwickeln?TB: Ich habe irgendwann gemerkt, dass unsere Umgebung Einfluss darauf hat, wie wir uns verhalten, wie wir die Welt sehen. Jetzt sitzen wir hier lässig auf einem Sofa, aber wie würde ich mit Ihnen reden, wenn ich jetzt auf einem Holzhocker säße? Sicherlich anders. Mit solchen Fragen wollte ich mich beschäftigen. Auch bei Alter oder Behinderung hängen Design und Weltsicht eng zusammen. Landläufig macht man Behinderung ja erst mal an körperlichen Defiziten fest: Der kann nicht gehen, oder die sieht nichts. Ich gehe da anders ran und frage stattdessen: Kann ich etwas so gestalten, dass es egal wird, ob jemand nichts sieht oder hört? Weil seine Umgebung das kompensiert oder ihn zumindest unterstützt.

DG: Für mich spielt noch etwas anderes eine Rolle: Ein Ding muss funktional sein, aber bitte auch schön. Man muss es gebrauchen können, aber es braucht auch eine ansprechende Form.

TB: Die ästhetische Komponente ist ja subjektiv, bei uns ist das zunächst zweitrangig. Wichtiger ist die Funktionalität. Muss ich erst mal 50 Seiten Bedienungsanleitung durchlesen? Wobei – da haben wir hier ein paar Beispiele gesehen – die visuelle Gestaltung schon wichtig ist. Wenn ich eine Krankenhausoptik habe, wenn etwas nach Arztkittel und Plastikteller aussieht, dann wird die Person eher als hilfsbedürftig wahrgenommen und nicht als selbstständiger Mensch.

DG: Apropos Bedienungsanleitung: Was man da heute kriegt, das ist sagenhaft, gerade bei digitalen Geräten. Da suche ich nach einem Begriff, den finde ich auch, auf Seite 53. Dort stehen ganze zwei Zeilen zur Funktion und: „Wenn Sie noch mehr wissen wollen, gehen Sie auf Seite 82.“ Da stehen aber auch nur zwei Zeilen und ein Verweis zu einer weiteren Seite.

Worüber ärgern Sie sich bei Design und Technik?DG: Senioren haben einfach andere Bedürfnisse als Jugendliche. Zwar tun sie sich mit digitaler Technik nicht mehr so schwer, aber schwerer als Jüngere. Vor zehn, 15 Jahren gab’s noch gar kein Smartphone, heute kann es ein Zehnjähriger problemlos bedienen. Dann fragt der Opa den Enkel: Sag mal, wie machst du das? Ich bin da nicht ausgenommen. Die Kinder machen darauf auch Spiele und chatten und wie das alles heißt.

Detlef Gühmann, 81, ist promovierter Ingenieur für Verfahrenstechnik und hat sein Berufsleben vorwiegend dem Bergbau gewidmet. Seit 15 Jahren engagiert er sich als Mitglied der Senior Research Group Berlin und des Vereins Sentha (Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag) Foto: Jochen Zick/Action Press

Kinder gehen überhaupt spielerischer an Technik heran, und die ist heute genau darauf ausgelegt.DG: Eben! Ein Senior, der ein neues Gerät in die Hand nimmt, schaut wirklich erst mal ganz genau. Der liest wirklich noch ein Stück von der Bedienungsanleitung. Dann geht er sehr vorsichtig vor. Während ein junger Mensch nach Trial and Error rumprobiert. Wenn was nicht geht, dann hat er eben Pech. Das macht ein Älterer nicht.

Warum nicht?DG: Der ist zu unsicher. Es könnte ja sein, dass er irgendwas kaputt macht.

Oder dass er auf einer Funktionsebene landet, von der er nicht mehr zurück findet?DG: Ja, auch das!

TB: Klar, bei digitaler Technik läuft es nicht mehr so linear wie bei einem Buch, bei dem ich Seiten umblättere. Man weiß manchmal nicht, in welchen Untiefen man in der digitalen Welt landet.

DG: Früher gab es oft fünf Wege, auf einem Gerät einen Befehl zu geben, heute gibt es zum Glück meist nur noch zwei. Ich sage immer, man muss geführt werden. Ich brauche nicht so ’ne große Bedienungsanleitung. Wer liest die eigentlich?

TB: Also ich nicht.

DG: Aha!

Ich frage mich: Kann ich etwas so gestalten, dass es egal wird, ob jemand nichts sieht oder hört?

Tom Bieling, 38

Herr Bieling, wie geht es Ihnen mit neuer Technik?TB: Von Berufs wegen bin ich ziemlich aufgeschlossen, aber ich zähle nicht zu den Leuten, die sich sofort den neuesten Schnickschnack zulegen. Dafür bin ich auch, platt gesagt, zu faul. Weil ich froh bin, wenn ich mit einer Sache zurande komme. Bei dem Thema sehen wir zwei gegenläufige Tendenzen: zum einen die superschnelle technologische Entwicklung. Ganz viele Dinge sind heute möglich, und der Mensch, egal ob jung oder alt, kommt oft nicht mehr mit. Man fragt sich: Brauche ich das auch noch? Verstehe ich das überhaupt? Und demgegenüber steht die demografische Entwicklung: Menschen werden immer älter, das bringt Einschränkungen mit sich. Andererseits heißt alt nicht zwangläufig gebrechlich. Leider gehen viele Designer davon aus.

Aber wovon sollten sie ausgehen?TB: Ich denke,dass es gar keiner Dinge bedarf, die nur für Senioren sind …

DG: So ist es!

TB: Man kann Dinge auch so gestalten, dass alle sie benutzen können.

Was wäre für Sie das perfekte Produkt?TB: Eines, das ohne Gebrauchsanweisung auskommt. Wenn ich ein Buch in die Hand nehmen muss, um ein Ding zu verstehen, ist es nicht gut designt. Ein gutes Beispiel ist der iPod, da wusste man schnell und intuitiv, wie man ihn bedient.

DG: Es gibt noch einen anderen Punkt: Der Telefonservice muss gut sein. Wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme und anrufe, brauche ich eine qualifizierte Auskunft.

Tom Bieling, 38, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Design Research Lab der Berliner Universität der Künste. Bieling studierte Design in Köln und Curitiba (Brasilien) und arbeitete etwa mit DaimlerChrysler, Smart und T-Mobile USA zusammen, um gemeinsam userfreundliches Design zu schaffen. Foto: Jochen Zick/Action Press

TB: Immer mehr Produkte werden geschaffen, und in dem Moment, wo sie raus sind aus dem Laden, sagen die Firmen: So, jetzt hab’ ich nichts mehr damit zu tun. Das ist ein Problem. Manche Dinge möchte ich ja lange benutzen, und wenn die Software regelmäßig Updates bekommt, kann es sein, dass sie drei Jahre nach dem Kauf völlig anders funktionieren.

Herr Bieling, wie stellen Sie sich die Welt vor, wenn Sie mal alt sind?TB: Ich hoffe, und da bin ich sicher idealistisch, dass die Technik sich irgendwann mal dem Menschen anpasst und nicht umgekehrt. Man verplempert so viel Lebenszeit mit so vielen Dingen.

Herr Gühmann, würden Sie mit einem Haushaltsroboter leben?Ich hab’ mal einen ausprobiert, das war nix.

Wieso denn nicht?DG: Der sollte sprechen und Dinge anreichen, aber er funktionierte nicht richtig. Und menschliche Zuwendung, die kann kein Roboter geben.

TB: Stimmt. Wenn man die Betreuung von Menschen gänzlich den Robotern überlässt, haben wir als Gesellschaft ein gravierendes Problem.