Monat für Monat 25.000 Euro – so viel kostet Jens Scharrenberg der desolate Zustand der Rheinbrücke bei Leverkusen. Seine Wuppertaler Spedition hat sich darauf spezialisiert, Aluminium- und Kupferschrott auszuliefern. Oft pendeln die Laster zwischen den Fabriken im Kölner Umland und den Recyclingbetrieben im Ruhrgebiet. Dafür müssen sie über den Rhein, aber die fast 50 Jahre alte Brücke direkt auf ihrem Weg können sie nicht mehr überqueren. Sie ist baufällig und für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt.  Deshalb erreichen Scharrenbergs Laster das andere Rheinufer nur über Brücken in Düsseldorf oder Köln. Ein Umweg von mindestens 25 Kilometern – jedes Mal.

Immense Investitionslücke

Deutschlands Infrastruktur ist in die Jahre gekommen. Überall im Land bröckelt der Asphalt. Experten schätzen, dass rund 6.000 der 39.000 Brücken im Land renoviert werden müssten. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Sperrungen, Staus und Umwege geht in die Milliarden. Bund und Länder investieren zu wenig, um den Verschleiß aufzuhalten. Nur durchschnittlich 1,25 Milliarden Euro standen für das Jahr 2014 im Bundeshaushalt für Straßen, Schienen und Wasserwege zusätzlich zur Verfügung.

Viel zu wenig: Laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wären rund 6,5 Milliarden nötig. Angesichts kaputter Straßen und gesperrter Brücken forderte unlängst auch der Bundesverband der Deutschen Industrie gar  im Schulterschluss mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund  die Regierung zu deutlich höheren Investitionen auf. Auf mindestens vier Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr wurde der Kapitalbedarf hier taxiert. Und das sind nur die Milliarden, die zur Instandhaltung der Straßen nötig wären. Ohne moderne Stromtrassen wird die Energiewende stecken bleiben. Alle Chancen der Digitalisierung werden Deutschland wenig bringen, wenn das Breitbandnetz nicht ausgebaut wird. Ganz zu schweigen von der oft maroden kommunalen Infrastruktur.

Infrastruktur-Investitionen passen zu unserem langfristigen Anlagehorizont.
Bernhard Graeber, Talanx

Investitionskapital muss her – und zwar trotz der seit 2009 gesetzlich verankerten Schuldenbremse, die die öffentliche Kreditaufnahme beschränkt. Deshalb liebäugelt der Staat mit privaten Geldgebern – darunter auch Versicherer. Die Branche hat das Anlagefeld erst in den letzten Jahren entdeckt. Noch ist der Anteil am Anlagevermögen verschwindend gering:  Nicht einmal ein Prozent macht er üblicherweise aus. Doch Versicherer wie Ergo, Allianz oder Axa wollen zunehmend in Straßen, Schulen oder Energie investieren.

Gerade erst hat etwa die Gothaer rund 150 Millionen Euro in den Hamburger Solar- und Windparkbetreiber Capital Stage gepumpt. Und Talanx kümmert sich schon heute über eine neunprozentige Beteiligung an der RWE-Tochter Amprion um Hochspannungsmasten in Nordrhein-Westfalen. Bernhard Graeber, Leiter der Abteilung für Infrastruktur-Investments, hat große Pläne: Bis 2017 will Talanx das in Energienetze, Windparks oder Wasserwerke investierte Kapital von derzeit 500 Millionen Euro auf dann 1,7 Milliarden Euro steigern. „Infrastruktur-Investitionen liefern stabile Erträge, sie sind weitgehend unabhängig von der Konjunktur und vom Auf und Ab der Börsen, und sie passen zu unserem langfristigen Anlagehorizont“, sagt Graeber.

Gesuchte Partner

Gerade für Lebensversicherer ist der zuletzt genannte Punkt wichtig: Weil die Policen meist zwanzig oder dreißig Jahre laufen, versuchen sie, ihre Investitionen genauso langfristig zu platzieren. Da Banken meist einen deutlich kürzeren Anlagehorizont haben, sind Versicherer für Infrastruktur-Investments gesuchte Partner.

So ist die Allianz schon seit 2005 an Projekten für Infrastruktur und erneuerbare Energien beteiligt. Rund fünf Milliarden Euro hat der Konzern dafür bisher in die Hand genommen. Zuletzt investierten die Münchner in das tschechische Gasnetz und eine britische Leasinggesellschaft für Schienenfahrzeuge. Selbst Parkuhren in Chicago können ein lohnendes Infrastruktur-Investment sein. Rund 36.000 Parkplätze gehören zur Konzession, von der die Allianz über eine Unternehmensbeteiligung profitiert. „Infrastruktur-Investments passen sehr gut zu unserem Geschäftsmodell als Versicherer. Auch wegen des niedrigen Zinsumfelds suchen wir verstärkt nach solchen Anlagen“, sagt Jörg Ladwein, Chefanleger der Allianz Leben.

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