Wer in Deutschland ein Auto besitzt, muss sich absichern – das ist Pflicht. Denn verursacht der Fahrer einen Unfall, bliebe er ohne eine Kfz-Haftpflichtversicherung auf den ganzen Kosten für den Schaden sitzen. Schon heute gibt es ein sehr differenziertes Tarifsystem im Kfz-Bereich. Die Prämien werden unter anderem danach bemessen, wie viele Schäden ein Kunde verursacht hat, wo er wohnt, welches Auto und wie viele Kilometer er fährt. Bald könnte ein weiteres Kriterium hinzukommen: Mithilfe einer Box im Auto ließe sich das Fahrverhalten analysieren. Dementsprechend könnte man die Beiträge noch individueller gestalten. Ein vorsichtiger und rücksichtsvoller Autofahrer würde dann weniger bezahlen müssen. Allerdings wird dies auch heute schon in Form der Schadensfreiheitsrabatte honoriert.

Intelligente Bordelektronik

Die Technik, um solche fahrzeuginternen Daten zu ermitteln, heißt Telematik. Wie schon die beiden Wortteile „Tele“ und „matik“ zeigen, verbindet sie die Telekommunikation mit der Informatik. „Dabei werden Informationen von Autos oder anderen bewegten Objekten während der Fahrt erfasst und übertragen“, erklärt Alexander Mürmann, Professor für Risikomanagement und Versicherungswesen an der Wirtschaftsuniversität Wien. Speditionen nutzen die Technik schon heute, um ihre Fahrzeugflotten zu überwachen oder die Temperatur in Kühlcontainern extern zu regulieren. In Japan bauen 38 Prozent aller Transportunternehmen bereits auf Telematik, in Deutschland sind es dagegen erst zehn Prozent.

Wer telematikbasierte Tarife nutzen möchte, braucht die nötigen technischen Voraussetzungen in seinem Fahrzeug. In der Regel wird dafür im Motorraum ein kleine Elektronikbox angebracht, die eine SIM-Karte enthält und die Daten per Mobilfunk übermittelt. Neuwagen der Oberklasse brauchten schon heute keine eigene Box mehr, weil sie bereits selber Daten senden können. Nach dem Willen des EU-Parlaments sollen ab Oktober 2015 alle Neufahrzeuge mit einem automatischen Notrufsystem (eCall) ausgestattet werden, das ebenfalls mittels Telematik funktionieren würde. Damit wären theoretisch die technischen Voraussetzungen geschaffen, um telematikbasierten Tarifen den Weg zu ebnen.

Sicher fahren – sparen

Erste Versicherungsunternehmen in Deutschland bieten seit Kurzem entsprechende Tarife an. Die auf Telematik-Daten basierende Tarifierung (Usage-based insurance, kurz: UBI) gibt es in verschiedenen Ausgestaltungen. Die bekanntesten Modelle sind „Pay as you drive“ (PAYD) und „Pay how you drive“ (PHYD). Bei ersterer Variante werden üblicherweise die gefahrenen Kilometer abgerechnet. In Italien beispielsweise muss mittlerweile jeder Kfz-Versicherer ein solches Tarifmodell anbieten. Bei der zweiten Version, „Pay how you drive“, können unter anderem das Brems- und Beschleunigungsverhalten aufgezeichnet werden. Tatsächlich verbindlich sind die Definitionen allerdings nicht. Häufig werden sie miteinander vermischt.

Erste Versuche mit Telematiktarifen unternahm man in Großbritannien bereits Mitte der 1990er-Jahre. Mittlerweile aber sind die USA führend, mit einem Marktanteil von zehn Prozent. Gerade Fahranfänger in den Vereinigten Staaten nutzen die Technik. Sie können so von Anfang an nachweisen, dass sie vorsichtig und vorausschauend fahren. Das zahlt sich aus: Die Häufigkeit von Schäden hat bei Versicherten mit Telematiktarifen über ein Drittel abgenommen. Entsprechend winken hohe Rabatte: Bis zu 30 Prozent Nachlass gewähren Versicherer.

Doch nicht nur die rücksichtsvollere Fahrweise zählt. Bei der Häufigkeit von Unfällen kommt noch etwas anderes hinzu: „Die reine Anzahl der Fahrten ist ein wesentlicher Unfallfaktor“, sagt Mürmann. Lege man 100 Kilometer am Stück zurück, sei das weit weniger risikoreich, als wenn man sie verteilt auf zehn Fahrten absolviere. „Durch die Telematik kann man diese unterschiedlichen Risiken genau erfassen und die Prämien dementsprechend gestalten“, so Mürmann. Die positiven Erfahrungen in angelsächsischen Ländern lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Hierzulande gibt es bereits jetzt ein sehr ausdifferenziertes Tarifsystem, das individuelle Risiken sehr gut abbildet. Ob sich dieses – nicht zuletzt aus Kundensicht – durch die Telematik tatsächlich verbessern lässt, ist noch fraglich. Das größte Potenzial für Telematiktarife in der Kfz-Versicherung sehen Experten daher vor allem bei Fahranfängern. Sie zahlen aufgrund ihres Risikofaktors besonders hohe Prämiensätze.

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