Im Maschinenraum des neuen Regelwerks lauert ein Wortungetüm: Solvenzkapitalanforderungen. Wer es SCR abkürzt (aus dem englischen Solvency Capital Requirements), lässt es handlicher klingen, handzahmer wird dieses Ungetüm dadurch keineswegs. Es geht um Geld, viel Geld. Das Regelwerk Solvency II fordert den europäischen Versicherern ab, ihre SCR-Bedeckung zu berechnen: Wie hoch sind die Eigenmittel als finanzieller Puffer im Vergleich zum geforderten Kapitalmindestbestand? „Über 100 Prozent“, lautet die geforderte Antwort. Ist die Quote geringer, droht Ärger.

200 Jahre Warten auf den Schock

Die Versicherer müssen einen Puffer bereithalten, der „schwere Stressereignisse“ wie etwa extreme Zinsschocks, die statistisch gesehen nur alle 200 Jahre auftreten, finanziell ausgleicht. Doch wie rechnet man seine SCR-Quote aus? Die Unternehmen haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Sie greifen auf eine Standardformel zurück, mit der sie für ihre Versicherungssparte und die jeweils zugehörigen Risiken die SCR-Bedeckung berechnen können. Oder sie entwickeln ein eigenes internes Rechenmodell.
Zum Solvency-II-Start am 1. Januar 2016 entschieden sich von 84 Lebensversicherern unter Aufsicht der hierzulande zuständigen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) 77 für die Standardformel. Doch die ersten Daten, stellte die Bafin bald darauf fest, seien noch „mit einer gewissen Unsicherheit verbunden“ gewesen. Zutreffend, stimmen die Versicherer zu: Sie haben in den ersten Monaten viel geübt – und dabei viel gelernt.
Wer bei „Standard“ an „einfach“ denkt, liegt nämlich falsch. Das Formelwerk beinhaltet Dutzende Parameter und seitenweise Anwendungshinweise.
Dazu kommt, dass der Gesetzgeber Übergangsregelungen zulässt. Die Berechnung verändert sich also im Lauf der Jahre. Trotzdem ist die Lernkurve steil. „Rückblickend können wir sagen: Im Großen und Ganzen hat es gut funktioniert, sowohl in Bezug auf die Prozesse als auch auf die Ergebnisse“, sagt Sarah Rössler, Vorstand bei der HUK-Coburg. „Einige kleinere Baustellen, die sich im Jahresverlauf aufgetan hatten, konnten rechtzeitig und problemlos abgearbeitet werden.“ Jetzt will die HUK-Coburg von dieser Lernkurve profitieren. „Mit jedem Jahr, in dem wir Solvency II anwenden, wird unsere Routine im Umgang mit dem Thema zunehmen“, sagt Rössler. Gerade dieser routinierte Umgang mit dem neuen Aufsichtsregime werde zu dessen Gelingen beitragen.

Damit bloß keine Routine aufkommt

Doch Routine ist nicht vorgesehen. Während nämlich die Tänzer noch die Grundschritte einüben, feilt die europäische Aufsicht schon wieder an der Choreografie – so manch einer fürchtet, dass bald neue Pirouetten ins Programm aufgenommen werden.
Schon im Startjahr rief die EU-Kommission die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen (Eiopa) dazu auf, ihr bis zum Februar 2018 zu berichten, wie die Branche mit der SCR-Standardformel im Alltag klarkommt und wo es gegebenenfalls hakt. Daraufhin verfasste die Eiopa im Dezember 2016 ein 118-seitiges Diskussionspapier rund ums Formelwesen und bat die Branche um Stellungnahme. In diesen Monaten gibt es Diskussionsrunden, im Oktober will man erste Empfehlungen an die EU-Kommission aussprechen.
An den Grundfesten wird nicht gerüttelt, das ist jetzt schon klar, wohl aber an Details geschraubt. Die sind allerdings nicht ohne: So steht manche Stellschraube in den Berechnungsgrundlagen der versicherungstechnischen Risikomodule Leben und Nicht-Leben zur Debatte, es gibt Fragen zur adäquaten Einschätzung von Ausfall-, Katastrophen- und Marktrisiken sowie zu Risikominderungstechniken. Und es gibt den Wunsch, für kleinere Versicherer die Berechnungen sinnvoll zu vereinfachen.
Muss das alles jetzt schon passieren? Nein, sagt HUK-Coburg-Vorstand Rössler: „Es wäre ungemein hilfreich, wenn sich kurzfristige Änderungen vermeiden ließen und die Vorgaben für eine gewisse Zeit stabil blieben.“
Andererseits bietet die Nachfrage den Versicherern die Chance, ihre Kritik an den bisherigen Regeln vorzubringen. Gerade die deutsche Lebensversicherungsbranche, in ihrer Marktbedeutung europaweit einzigartig, hofft auf Verbesserungen. Auch in anderen Sparten knirscht es. „Einige spezifische Marktgegebenheiten in Deutschland werden von der Standardformel nicht oder nur unzureichend erfasst“, sagt Matthias Roth, Hauptabteilungsleiter Zentrales Controlling bei der Versicherungskammer Bayern (VKB). Unter dem VKB-Dach sind 15 Versicherungsunternehmen aus dem Sparkassensektor vereint, damit ist man der größte öffentliche und einer der zehn größten Erstversicherer Deutschlands.
Roth kritisiert unter anderem die Berechnungsgrundlagen für das sogenannte Immobilienrisiko: Die SCR-Standardformel geht hier von einem Schockszenario aus, bei dem alle Immobilienpreise schlagartig um 25 Prozent einbrechen. „Das entspricht in keiner Weise den deutschen Marktgegebenheiten“, sagt Roth.

Wie realistisch sind die Gefahrenszenarios?

Bei Lebens- und Krankenversicherern wiederum kann es sein, dass die sogenannten operationellen Risiken in der Standardformel überzeichnet werden. Unter diesem Begriff werden alle Gefahren erfasst, die nichts mit dem operativen Geschäft der Versicherung zu tun haben, sondern die entstehen, weil Menschen sich falsch verhalten oder Kontrollsysteme versagen. Es geht also um Verluste, die zum Beispiel aus Betrug, Diebstahl oder technischen Fehlern herrühren. Auch für solche Risiken müssen die Versicherungen Eigenmittel bereithalten – wie viel, ist allerdings strittig.
Geht beispielsweise der Gewinn eines Versicherers wegen eines Betrugsfalls zurück, macht sich das auch in einer niedrigeren Überschussbeteiligung der Versicherten bemerkbar. Solche risikomindernden Fakten, klagt Roth, würden in der Formel nicht berücksichtigt.
Auch für sogenannte Man-made-Katastrophen, also vom Menschen verursachte Katastrophenschäden, passt eine europaweit einheitliche Bewertungsmethodik nicht präzise mit der Risikorealität in einzelnen Ländern zusammen.
Der SCR-Standardansatz geht auch hier davon aus, dass ein Versicherer ein Ereignis überstehen können muss, das nur alle 200 Jahre auftaucht. Für die menschengemachten Katastrophen hat man dazu entsprechende Szenarien definiert, aus Bereichen wie Feuer, Haftpflicht, Terror, Kraftfahrzeug-Haftpflicht, Kredit und Kaution, Marine/Seefahrt sowie Luftfahrt.
Das Feuerszenario geht beispielsweise davon aus, dass bei einem Brand, einer Explosion oder auch einem Terroranschlag eng zusammenstehende Gebäude in einem Radius von 200 Metern weitgehend zerstört werden. Das Problem: Ein solcher Fall ist gar kein 200-Jahres-Ereignis, jedenfalls nicht in Deutschland: „Nach Einschätzung des deutschen Marktes hat das Feuerszenario eine deutlich höhere Wiederkehrperiode“, sagt Roth. Auch bei anderen Man-made-Katastrophen fehlt ein sauberer Bezug zur Einmal-in-200-Jahren-Regel. Immobilienpreisschock, Risikotransfer an Kunden, Katastrophen-Wahrscheinlichkeit: Diese drei Beispiele zeigen, wie schwer es ist, aus all den hunderten zu beachtenden Parametern sauber Risiken zu berechnen beziehungsweise „ein proportional angemessenes und technisch konsistentes Aufsichtsregime zu schaffen“, wie die Eiopa ihren Anspruch formuliert.

Wie sinnvoll ist der ganze Aufwand?

Keineswegs als „proportional angemessen“ empfinden die kleineren Versicherer die Last der vielen Excel-Sheets und Dokumentationen, die sie vielfach quartalsweise zu erstellen haben. Ob und wie dieser Aufwand zu senken ist, wird ebenfalls diskutiert. „Es ist sicherlich zu hinterfragen, ob die Vielzahl der Informationen und Daten zur Verbesserung der Aufsichtspraxis führt“, sagt VBK-Controller Roth.
Es lässt sich allerdings auch andersherum argumentierten: Die Vielzahl an Parametern sorgt zugleich dafür, dass das Gesamtrisiko sich feiner modellieren lässt – und somit sinkt. Das ist allein schon Ergebnis einer mathematischen Logik: Je genauer eine Funktion ein Risiko beschreibt, desto präziser lässt es sich fassen.
Um es beispielhaft zu veranschaulichen: Der Grenzverlauf Deutschlands lässt sich in einem Polygon mit 50 Ecken deutlich realitätsnäher darstellen als in einem Rechteck. Der nachvollziehbare Wunsch nach Vereinfachung stößt also im Extrem an Grenzen.
Tatsächlich ist Solvency II bewusst als ein lebendiges Regelwerk angelegt, das sich praxisnah weiterentwickeln soll. „Es ist nicht perfekt“, betont Eiopa-Chef Gabriel Bernardino gern – und nimmt die Assekuranz in die Pflicht, seiner Behörde den nötigen Input zu liefern für stetige Verbesserungen.
Die deutsche Aufsichtsbehörde Bafin sieht das ähnlich: Sie ermutigt die Versicherer und Rückversicherer, sich in Konsultationsverfahren einzubringen – damit Besonderheiten des hiesigen Marktes besser berücksichtigt werden in der europaweit gültigen Standardformel, diesem Ungetüm im Maschinenraum.