Reisen, Golf spielen, Bücher lesen, würde das nicht reichen für den Ruhestand, Herr Weiß?Thomas Weiss: Jeden Tag auf dem Golfplatz? Das könnte ich mir nicht vorstellen! Als ich noch studierte, bin ich gern siebenmal die Woche zum Tennis gegangen. Aber das ist jetzt nicht mehr so ausgeprägt. Vielleicht ist es eine Frage der Reife, dass man der Gesellschaft und den Mitmenschen noch etwas geben möchte.

Und noch etwas geben kann …TW: Klar, irgendwann kommt ja auch die Zeit, dass man nur noch in der Nehmerposition ist, weil man einfach körperlich oder vom Geist her nicht mehr kann.

Haben Sie sich also schon früher gedacht: Wenn ich mal nicht mehr arbeite, dann engagiere ich mich ehrenamtlich?TW: Nein, das ist erst aus dem Bruch entstanden, wenn man doch mehr oder weniger überraschend einen voll ausgefüllten Berufsalltag hinter sich gelassen hat. Und dann denkt man: Ist das richtig, jetzt nur noch Opa und Hausmeister zu sein, der die Kinder in die Schule fährt und wieder holt und dann das Essen richtet? Mir war das zu wenig.

Thomas Weiss, 68, ist in München aufgewachsen. Nach einem nicht ganz gradlinigen Schulweg und dem Studium der Betriebswirtschaft ging es bei ihm sehr konstant weiter: Er hat sein ganzes Berufsleben bei der Allianz-Gruppe verbracht. Dort konnte er schon mit 59 Jahren in Altersteilzeit gehen. Und dann? Zwei seiner Enkel wohnen im selben Haus wie er, doch nur Opa zu sein war Weiß zu eintönig. Foto: Thomas Sing

Warum?TW: Vielleicht ist das durchaus ein bisschen egoistisch, dass ich mir selbst einen weiteren Inhalt gebe, den ich für gut und wertvoll erachte. Ich war mein ganzes Berufsleben lang sehr engagiert und habe das mit Begeisterung gemacht. Und da ist es mir vielleicht ein gewisses Bedürfnis, jetzt nicht überflüssig zu sein.

Das Ehrenamt dient Ihnen als Ersatzbefriedigung für den aufgegebenen Erwerbsjob?TW: Im Gegensatz zu früher habe ich jetzt den Luxus, dass ich die Dosierung selbst bestimmen kann. Wenn du im Job drin bist, musst du dein Pensum absolvieren, auch wenn es dir schwerfällt. Als ich noch gearbeitet habe, war mein Leben ganz stark bestimmt vom Mikrokosmos meines Berufs und meiner Familie. Allem anderen habe ich nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Fabian Norden: Das ist doch völlig in Ordnung! Es bringt wenig, sich für andere zulasten des eigenen Lebens zu engagieren. Und es gibt auch keine moralische oder gesellschaftliche Pflicht, sich ehrenamtlich zu engagieren. Für mich selbst suche ich allerdings schon eine Balance, mit einer Arbeit, von der ich leben kann, die mir aber trotzdem Zeit für das Engagement in einem anderen Feld lässt.

Ich war mein Leben lang sehr engagiert. Es ist mir ein gewisses Bedürfnis, jetzt nicht überflüssig zu sein

Thomas Weiss, 68

Wofür engagieren Sie sich in Ihrer Freizeit?FN: Ich bin aktiv bei einem kleinen Münchner Verein namens rehab republic. Wir bespielen soziale und ökologische Themen, ziemlich querbeet. Wir machen zum Beispiel Schnibbelpartys, auf denen wir gemeinsam mit geretteten Lebensmitteln kochen, die sonst auf dem Müll gelandet wären. Oder wir belohnen Leute, die an der Isar Zigarettenkippen und Kronkorken sammeln, mit einem Livekonzert. Ein anderes Beispiel sind unsere Clubmobs: Partys, bei denen die gesamten Einnahmen in Energiesparmaßnahmen im jeweiligen Club gehen.

Hört sich lustig an …FN: Ist es auch. Und weil es uns Spaß machen soll, haben wir uns zum Ziel gesetzt, dass es auch den Menschen, die wir erreichen wollen, Spaß macht.

Ehrenamt klingt erst mal nicht so lustbetont.FN: Ich glaube aber, es geht nicht, ohne dass es irgendwo Spaß macht. Allerdings war ich bei rehab republic auch lange als Schatzmeister tätig. Da stand der Spaß nicht so im Vordergrund – aber auch das gehört dazu.

Herr Weiß, Sie engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – wie wichtig ist dabei der Spaß?TW: Was mir Spaß macht, ist, dass ich im Arbeitskreis Asyl viel selbst gestalten kann. Ich organisiere die Sachspenden und habe da quasi unternehmerische Freiheit. Ganz anders als im Job, wo eine Linie vorgegeben wird und man von allen Mitarbeitern erwartet, dass sie mitziehen.

Fabian Norden, 30, ist in Stuttgart geboren und fürs Studium nach München gezogen. Er hat einen Abschluss in Philosophie. Aktuell arbeitet der überzeugte Fahrradfahrer im Kommunikationsteam bei der Umweltorganisation Green City und versucht auch sonst, ein Leben zu führen, das er vor sich selbst ethisch vertreten kann. Foto: Thomas Sing

Es kann aber auch zum Problem werden, wenn man niemanden zu etwas verpflichten kann, weil alle freiwillig dabei sind.TW: Stimmt. Ich kriege zum Beispiel mit, wie schwer es ist, unsere Deutschtrainer im Asylkreis in einen Gleichschritt zu bekommen, damit die Schüler möglichst gut Deutsch lernen. Da hat jeder seine eigene Philosophie. Und man muss den Leuten auch diese Freiheit lassen, weil sie sonst …

FN: … keine mehr Lust haben.

Und dann schmeißen sie hin.FN: Was aber aus meiner Erfahrung immer positive wirkt: Dinge im Team zu machen. Da zieht der eine die anderen mit.

TW: Das stimmt! Wir hatten zum Beispiel durch die vielen Flüchtlinge im Herbst 2015 auch einen unglaublichen Zustrom an Helfern. Da waren 100 neue Helfer im Asylkreis, die sich um Neuankömmlinge gekümmert haben. Wir haben uns damals oft getroffen, auch weil es so viel zu klären gab. Und dann kam das Sommerloch – und auf einmal brach das Engagement weg. Manche tauchten gar nicht mehr auf, andere agierten aneinander vorbei.

Wenn man sich nicht regelmäßig trifft, geht das Teamgefühl verloren?TW: Wir sind jetzt gerade dabei, für unsere Flüchtlingsunterkunft zu überlegen, wie sich das reaktivieren lässt. Weil wir gemerkt haben: Hoppla, die Leute sind zu Einzelkämpfern geworden. Oder haben ganz aufgegeben.

Aber ist es mittlerweile nicht normal, dass man sich mal hier engagiert, mal da und auch mal gar nicht?FN: Bei uns gibt es schon viel Fluktuation. Die meisten Leute, die mitmachen, sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Die nehmen woanders einen Job an, ziehen weg. Da verändert sich immer vieles. Aber ich finde, das hat auch Vorteile. So bringen Leute Ideen von woanders mit und man probiert mal etwas anderes aus. Bei uns machen viele einfach mal mit, weil sie von uns gehört haben. Oder wir kooperieren mit anderen Organisationen, da verschwimmen die Grenzen. Ob jemand Mitglied ist oder nicht, finde ich gar nicht so wichtig.

Es gibt so eine Art Grundbefriedigung, die entsteht allein dadurch, dass man etwas tut

Fabian Norden, 30

Aber braucht man im Ehrenamt nicht auch eine gewisse Verbindlichkeit?FN: In meiner jetzigen Lebenssituation würde es mir schwerfallen, eine Verpflichtung zum Beispiel in der Betreuung eines Menschen zu übernehmen. Ich bewundere es, wenn Leute so etwas machen. Aber ich habe einfach kaum tägliche Routinen. Ich arbeite in Teilzeit und auch viel von unterwegs und zu Hause. Ich übernachte mal bei mir, mal bei meiner Freundin. Das würde es mir schwer machen, so eine persönliche Pflicht zu übernehmen.

TW: Ich hatte am Anfang auch Vorbehalte. Pate für einen Flüchtling zu sein – das war mir, wie soll ich sagen, „unheimlich“ ist vielleicht das falsche Wort, aber das habe ich mir nicht so zugetraut. Also habe ich mich um die Organisation der Sachspenden gekümmert. Inzwischen bin ich aber auch Integrationspate für Familien und helfe denen. Die Berührungsängste verliert man ja mit der Zeit.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Sie etwas zurückbekommen? Dankbarkeit zum Beispiel?TW: Sicher macht Wertschätzung die Sache einfacher – wenn jemand kooperiert. Aber wenn nicht, dann ist es auch gut. Ich kann ja nicht erwarten, dass jemand alles so macht, wie ich mir das vorstelle, nur weil ich mich um ihn kümmere.

FN: Ich finde, es gibt so eine Grundbefriedigung, die entsteht allein dadurch, dass man etwas tut. Und ich kann mich dem auch nicht ganz entziehen, dass ich es gut finde, wenn mir Leute sagen: Das ist schön, was ihr da macht. Da ist ja jedes menschliche Gefüge immer auch ein Rest Selbsthilfegruppe. Aber letztlich treibt mich vor allem die Hoffnung, dass sich ein bisschen was ändert. Dass ich irgendwie durch mein Dasein anderen Leuten ein Dasein ermögliche, das für sie lebenswert erscheint.