Wir schreiben das Jahr 2018, die USA schicken Astronauten auf den Mond und stören eine geheime Nazikolonie auf. Die Wehrmachtssoldaten ergattern ein Smartphone, mit dem sie ihr Riesenkampfschiff „Götterdämmerung“ in Gang setzen und die Welt erobern können: „Iron Sky“, der 2012 ins Kino kam und nächstes Jahr mit „The Coming Race“ fortgesetzt wird, wurde vor allem für seine Spezialeffekte gelobt, die trotz des knappen Budgets von 5,5 Millionen Euro überzeugten. Um ein Haar hätte die Produktion dieses Budget gesprengt – wegen Problemen, mit denen niemand gerechnet hatte.
Jede Filmproduktion ist ein fragiles Unterfangen, abhängig vom Wetter, vom Verkehr, vom reibungslosen Funktionieren vieler Menschen und Geräte. Einige Risiken fängt die klassische Filmversicherung auf, etwa wenn sich der Hauptdarsteller ein Bein bricht. Doch wenn ein Hochwasser das Set wegschwemmt oder der Regisseur im kreativen Rausch jede Szene 20-mal dreht, reichen irgendwann Zeit und Geld nicht mehr aus, um das Werk planmäßig ins Kino zu bringen. Und dann? Haben die Investoren Millionen in ein Projekt versenkt, das nie fertig wird.
Oder der Produzent hat für seine Finanziers einen Completion Bond gezeichnet, eine Fertigstellungsgarantie. Diese stellt die Versicherung; mit Geld und Expertenrat sorgt sie dafür, dass der Film rechtzeitig und im Rahmen des Budgets vollendet wird. Und falls sich keine Lösung findet, erhalten Investoren ihr Kapital zurück.
Maximal 2,5 Prozent des Gesamtbudgets kostet ein Completion Bond. Er lohnt sich vor allem, wenn der Dreh aufwendig ist: bei Produktionen, die an mehreren Orten arbeiten, oder bei historischen Stoffen wie „Race“, der im Juli anlief und 80 Jahre nach den Olympischen Spielen in Berlin von dem Athleten Jesse Owens erzählt. In solchen Fällen werden die Aufnahmen nach dem Dreh in historische Bilder hineinmontiert – der Aufwand lässt sich im Vorfeld nur schwer abschätzen.
„Man kann solide planen, Überraschungen gibt es immer“, sagt Udo Happel. Der 48-Jährige hat schon etliche Filmproduktionen begleitet und geleitet. Seit 2005 reist er bei Bedarf als TroubleShooter ans Set, um im Auftrag eines Bond-Gebers gegenzusteuern, sobald Arbeitsschritte oder Ausgaben aus dem Takt geraten.
Für „Iron Sky“ flog er ans andere Ende der Welt: „Das Team drehte in Australien und hatte wegen schlechten Wetters die Nachtaufnahmen in Brisbane vorgezogen“, erzählt Happel. „Danach fanden die Kollegen nicht in den Tagesrhythmus zurück.“ Das Problem: Für Arbeit nach 20 Uhr sind in Australien hohe Nachtzuschläge fällig.

„Es brauchte etliche Besprechungen mit den Produktionsteams vor Ort, aber schließlich haben wir aus dem Teufelskreis herausgefunden“, sagt Happel. Gerade noch rechtzeitig, denn die Misere hatte schon einen Großteil der Überziehungsreserve gekostet.
Mit dem Budget war Happel bereits vor seinem Auslandseinsatz bestens vertraut, denn Bond-Geber werden oft schon in der Planungsphase einbezogen. Wer die Versicherung abschließen will, muss detailliert erklären, wie er produzieren will. Sogenannte Monitorer spüren im Auftrag der Versicherung Risiken in jeder Liste auf: Ist die Schauspielerin notorisch unpünktlich, der Regisseur ein Despot, der immer wieder seine Crew durchtauscht? Überzeugt das Drehbuch, passen Drehplan und Budget dazu? Steht die Finanzierung? „Ich frage mich immer: Würde ich den Film selbst so machen?“, sagt Happel. „Und selbst wenn ja, kommt es oft vor, dass wir uns noch mal zusammensetzen und nachbessern.“
Für „Iron Sky“-Produzent Oliver Damian sind die Monitorer gute Sparringspartner. „Auch wenn es ein Kampf ist, die Gebühr aufzubringen, und auch wenn man das Geld gern in den Film selbst stecken würde – gerade bei internationalen Produktionen lohnt sich ein Completion Bond.“ In Skandinavien, Kanada, Australien, den USA und in Großbritannien, wo die Bürgschaft ihren Ursprung hat, machen Geldgeber ihn zur Bedingung. Die klassische deutsche Finanzierung über die Filmförderung, über Fernsehsender und Verleihgarantien ist dagegen so konstruiert, dass rein deutsche Projekte nicht auf Bonds zurückgreifen – geht etwas schief, sind es teilweise Steuergelder, die verschwendet werden. Doch auch hierzulande, wo immer mehr Banken Filme zwischenfinanzieren und private Investoren sich beteiligen, ist die Absicherung zunehmend gefragt.
Das spürt auch die Deutsche Filmversicherungsgemeinschaft (DFG) in Hamburg. Seit 80 Jahren sichert sie Film- und TV-Produzenten gegen die Risiken ihrer Projekte: von „Fack ju Göhte“ und „Victoria“ über „Wer wird Millionär?“ bis hin zu „Alarm für Cobra 11“. Im Jahr 2009 hat die DFG sich mit der skandinavischen Gesellschaft European Film Bonds zusammengetan, gemeinsam bonden sie rund 45 Produktionen pro Jahr – europaweit und bei internationalen Koproduktionen. Der größte Versicherer hinter der DFG, die den halben europäischen Markt abdeckt, ist die Axa-Gruppe. Die andere Hälfte versichern FilmFinances/Allianz und HDI. Ist der Fall geprüft, die Finanzierung gesichert und der Bond gezeichnet, heißt es für die Filmschaffenden täglich Bericht zu erstatten: Regieassistenten dokumentieren die gedrehten Szenen, Produktionsassistenten listen auf, was ausgegeben wurde und welche Ausgaben geplant sind. Häufen sich Unregelmäßigkeiten, steht der Monitorer bald am Set. „Früher wurde der Bond oft als reiner Controller gesehen, der zu stark eingreift in künstlerische Vorstellungen“, sagt DFG-Geschäftsführer Robert von Bennigsen. „Mittlerweile aber ist klar: Er versucht mit den Kreativen und dem Produzenten gemeinsam an dem Film zu arbeiten. Manchmal muss man sich zusammenraufen, aber meist funktioniert das.“
Auch Happel sieht sich „nicht als Sheriff, der mit seinem Aktenkoffer anrückt“, sondern als Kollege, der mit den Menschen am Drehort auf Augenhöhe spricht. Immerhin kennt er viele Filmleute aus anderen Projekten. Kann sich der kaufmännische Herstellungsleiter nicht gegen Regisseur oder Kameramann durchsetzen, greift der Monitorer durch, immerhin muss er die Finanzierer und letztlich auch die Versicherung vor Schaden bewahren.
Dann übernimmt er vom Produzenten die Verantwortung für die Fertigstellung. „Unangenehm für den Produzenten, aber um die Finanzierung zu sichern, akzeptiert er diese Lösung“, sagt Bennigsen. Und die Leute am Set? „Sind erleichtert, weil sie wieder bezahlt werden und ihre Arbeit in ein Ergebnis mündet.“ Der DFG-Geschäftsführer arbeitet gern mit Menschen aus der Filmbranche: „Es sind überwiegend Freelancer, die zuverlässig ihren Job machen und ein riesiges Commitment zu ihrem Beruf mitbringen. Unglaublich, in welchem Gesundheitszustand sich Schauspieler manchmal ans Set schleppen.“ Selten kommt es so weit, dass er tatsächlich Geld zuschießen muss. Das passiert nur bei jedem hundertsten Film, so groß ist das Engagement der Beteiligten und so erfolgreich das Risikomanagement des Bonds.
Schwierig für Produzenten sei vor allem das „komplizierte, zeitaufwendige Regelwerk“ des Bonds, sagt Oliver Damian. „Man sollte ihn nur abschließen, wenn man ihn wirklich braucht.“ Bei „Iron Sky II“ hat der Produzent ihn gebraucht: Gap- und Equity-Finanzierer machten ihn zur Bedingung. Sie wollten sichergehen, dass auch im kommenden Jahr die Nazis vom Mond die Menschheit heimsuchen.