Was trägst du denn da um den Hals? Wofür ist das rote Ding? Ständig diese Fragen. Sie waren es leid. Der walnussgroße rot-weiße Notfallknopf, der an einem Band auf ihrer Brust baumelte, zog Blicke auf sich. Beim Einkaufen, beim Kaffeeklatsch, überall. Klar sollte er Alarm machen, aber nur beim Notarzt, im Notfall. Sie wollten nicht jedem Nachbarn erklären, dass ihr Herz in letzter Zeit holperte oder dass sie einen leichten Schlaganfall hatten und nun Angst vor dem nächsten. Da fühlten sie sich gleich noch mal kränker.

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Es musste etwas Diskretes her. Die Johanniter Unfallhilfe, bei der die Senioren über den Notfallknopf klagten, wandte sich ans Design Research Lab (DRLab) der Universität der Künste in Berlin, wo Designforscher Zukunftsszenarien für die Technik von morgen entwickeln. Und tatsächlich: Das DRLab erfand eine Jacke mit leitenden Garnen. Fühlt man sich plötzlich schlecht, reißt man die Brusttasche ab. Das unterbricht einen Kontakt, und die Jacke funkt ein Notsignal samt Standort. Zu sehen ist von alldem nichts.
„Was nach medizinischem Hilfsmittel aussieht, stigmatisiert“, sagt Tom Bieling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am DRLab. „Niemand möchte signalisieren: Schaut her, ich bin schwach, ich brauche so ein Gerät.“ Was alle möchten, ist hilfreiche Technik, die man kaum sieht oder die sogar chic rüberkommt. Und das gilt nicht nur für junge Menschen, sondern erst recht für Senioren.
15 bis 20 Jahre liegen zwischen dem Ende der Berufstätigkeit und der Phase als hochbetagter, pflegebedürftiger Mensch. Diese Zeit kosten viele aus. Sie reisen, gestalten Haus und Garten um, gehen mit Freunden ins Museum und ins Kino oder engagieren sich ehrenamtlich. Senioren sind heute viel fitter als die Generationen vor ihnen. Der Lebensstandard ist höher denn je, genauso wie der Anspruch, etwas zu erleben. Und der Anspruch an die Technik, die bei diesem Leben hilft.
„Senioren heute, das sind die 68er. Sie haben sich früher nichts gefallen lassen, und sie kämpfen auch weiter für ihre Sache“, sagt Wolfgang Friesdorf. Er kennt sie gut. Erstens gehört der emeritierte Professor für Produktergonomie selbst dieser Altersgruppe an.

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Zweitens hat er im interdisziplinären Forschungsprojekt für seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag, kurz Sentha, gearbeitet. „Wir haben Senioren eingeladen und sie bei häuslichen Arbeiten beobachtet“, erzählt Friesdorf. Ende der 90er-Jahre war das, die Gäste hantierten an einer eigens aufgebauten Wasch-Bügel-Straße, und die Wissenschaftler sahen zu. Dann wurde diskutiert, was es bräuchte, um etwa Vorhänge ohne Sturzgefahr zu waschen und aufzuhängen. „Eine stabile Leiter ist nicht die Lösung. Viel besser: eine Vorhangleiste, die man absenken kann“, sagt Friesdorf. „Da bleibt man mit den Füßen auf dem Boden.“ Das Prinzip lässt sich auf vieles übertragen, zum Beispiel auf den Glühbirnenwechsel.

Das bestmögliche Design schließt niemanden aus

Den Senioren genügte es bald nicht mehr, sich zuschauen zu lassen. Sie wollten selbst gestalten, mitentwickeln, etwas bewirken. 2001 gründeten sie die Senior Research Group, bis heute testen und bewerten sie innovative Geräte, etwa für Smart Homes. Ihr Selbstbewusstsein wächst, nicht zuletzt weil sich eine Erkenntnis allmählich durchsetzt: Design, das älteren und eingeschränkten Menschen nützt, ist für alle nützlich. Oder umgekehrt: Design, das niemanden ausschließt, dient der Gesellschaft am besten. Auch 30-Jährige verzichten bei der Vorhangwäsche gern auf Leitern und einen steifen Nacken.
„Design für alle“ ist auch der Ansatz von Mathias Knigge. Der Designer und Ingenieur berät mit seiner Firma Grauwert, „Büro für Inklusion und demografiefeste Lösungen“, zum Beispiel Stihl. Der Gartengerätehersteller wollte seine Motorsägen und Heckenscheren ergonomisch, leichter und handlicher gestalten, damit auch Senioren sie gern nutzen – und Seniorinnen.
Ein Drittel der Nutzer von Elektrogeräten sind ältere Menschen, sagt der Stihl-Produktmanager Martin Schif. „Sie haben Zeit, beschäftigen sich gern selbst mit ihrem Garten und legen Wert darauf, dass er gepflegt ist.“ Doch Testsenioren klagten über das Gewicht der Elektrosägen und andere Kleinigkeiten. Ein Extra-Werkzeug fürs Nachspannen der Kette? Bitte nicht. Ein Kabel, um den Akku zu laden? Lieber eine Steckvorrichtung. Und der Tank für den Schmierstoff sollte handlicher sein. „Wir Produktmanager sind dankbar für jedes Kundenfeedback“, sagt Schif. „Das motiviert uns, unsere Produkte kontinuierlich zu verbessern.“
Denn die Jungen wissen selten, womit die Alten sich abplagen.

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Wenn ein junger Mensch erfahren will, wie es sich anfühlt, im Körper eines älteren zu stecken, dann bringt Knigge von Grauwert einen Simulationsanzug mit. Bei seinen Schulungen in Hotels etwa verwandeln sich sportliche Servicekräfte binnen Sekunden in steife, langsame Halbblinde. „Plötzlich verstehen sie sehr gut, warum ältere Gäste das Touchdisplay der Klimaanlage kaum bedienen können“, sagt Knigge. „Und wieso sie über unmarkierte Stufen stolpern.“
Was also tun? Mindestgrößen für Schriftzeichen festlegen? Stufen verbieten? „Wir wollen keine neue Industrienorm einführen“, sagt Knigge. „Aber wir geben Unternehmen Kriterien an die Hand, wie sie das Bewusstsein ihrer Mitarbeiter schärfen und ihre Angebote verbessern können.“ Einfach sollte ein Produkt sein, und sich an Körpergröße, Seh- und Hörvermögen anpassen lassen. Rückmeldungen von älteren Testern sollten einfließen. Und – sehr wichtig – das Produkt muss super aussehen und darf nicht als Senioren-Version angepriesen werden. Schon die leiseste Sanitätshaus-Assoziation schreckt ab, und zwar jeden. Optisch attraktive Technik dagegen, die die Sinne unterstützt, tragen auch junge Menschen am Körper: Smartphones mit Hörhilfe oder Armbänder, die Biodaten aufzeichnen. Wenn so was als attraktiver, altersunabhängiger Mehrwert hervorsticht, funktioniert ein Produkt.
„Statt ständig neue Modelle mit immer detaillierteren Funktionen zu liefern, sollten Designer und Ingenieure durchdachte, solide Produkte herstellen, die einfach ihre Aufgabe erfüllen“, sagt Ergonomie-Experte Friesdorf. „Ältere Menschen wollen Effizienz. Sie haben keine Geduld, sich ein Gerät spielerisch anzueignen. Wahrscheinlich, weil sie wissen, dass ihre Lebenszeit abläuft.“

Im Alter wächst das Bedürfnis nach Sicherheit

Die Prioritäten verschieben sich im Alter. Das Bedürfnis nach Sicherheit wächst. Und wehe, die Technik verunsichert. Wer sich mit einem falschen Tipp aufs Tablet aus dem Mailprogramm befördert und nicht weiß, ob die Nachricht geschickt wurde oder nicht, verliert schnell den Spaß. Und wer nicht weiß, wie er bei Bedarf Hilfe rufen soll, gerät in existenzielle Not.

Wer nur noch im Sessel sitzt und der Wohnung Sprachbefehle gibt, der degeneriert

Wolfgang Friesdorf, Experte für Produktergonomie

„Senioren verspüren beides zugleich, den Wunsch nach Selbstständigkeit und die Angst: Was tue ich, wenn mir etwas passiert?“, sagt Friesdorf. Für beides muss die Technik Lösungen liefern.
Dabei gehe es nicht darum, dem Menschen möglichst viel abzunehmen – er müsse im Gegenteil in Bewegung versetzt werden. „Alle Barrieren darf man nicht abbauen“, sagt Friesdorf. „Wer nur noch im Sessel sitzt und der Wohnung Sprachbefehle gibt, der degeneriert.“ Man müsse Hürden überwinden können, um glücklich zu sein. Die beste Lösung sieht der Experte in Geräten, die den Senior motivieren, aktiv zu bleiben, und ihn, wo’s nötig ist, unterstützen. Einkaufen etwa ist ein soziales Event – total wichtig. „Was wollen Sie mit einem Kühlschrank, der Milch bestellt? Sie brauchen etwas, das Ihnen bei den Besorgungen hilft.“
Die Digitalisierung bringt intelligente Wohnungen, die sich über Sprachbefehle erhellen, verdunkeln, aufheizen und überwachen lassen. Sensoren im Bett und in Fußmatten, die melden, ob sich ein Bewohner nicht mehr bewegt oder ob er das Bett verlassen hat. Maschinen, die Handgriffe übernehmen, die nach einem Schlaganfall nicht mehr gelingen. Und bald vielleicht Roboter, die Senioren im Alltag beistehen. Wie wäre es mit einem schicken Mitbewohner, der beim Duschen hilft, beim Einkaufen die Beutel trägt, zum Tee die Post vorliest? Und dessen Stimme und Persönlichkeit man nach persönlichem Wunsch konfiguriert? Friesdorf freut sich schon: „Da kann man gar nicht verrückt genug denken!“