Blau leuchtet der Himmel über Berlin, Wolken schweben über der Museumsinsel, rote und gelbe Baukräne lassen ihre langen Arme kreiseln. Im gleißenden Mittagslicht scheint alles zum Greifen nah: die Kuppeln der Domkirche, der Fernsehturm am Alex, das Rote Rathaus. Robert Friedel steht oben auf dem Stadtschloss und lässt den Blick schweifen. In ein paar Jahren, wenn alles fertig ist, wird er im Dachrestaurant ausgiebig Latte macchiato trinken. Jetzt aber nutzt er die Helligkeit, um kleine Löcher zu finden, undichte Stellen, Fehler und Nachlässigkeiten. Friedel ist Bauprojektmanager, einmal im Monat schreitet er die gesamte Baustelle ab. Also los!
Auf schmalen Leitern steigt er bis zur Kuppel hinauf. „So etwas“, Friedel streicht mit dem Finger über rostendes Eisen, das aus dem nackten Beton spitzt, „so was darf nicht sein.“ Der Baustahl bildet im Beton ein Gitter, Bewehrung genannt, das im Inneren Zugspannungen aufnimmt. Und eigentlich muss das Gitter 35 Millimeter unter der Oberfläche liegen. Denn wenn das Eisen oxidiert, dehnt es sich aus, erklärt Friedel. „Dann platzt der Beton auf, und die Sanierung wird teuer.“ Er macht ein paar Fotos und eine Notiz in seinen Block. „Da muss unbedingt nachgebessert werden.“

Fast wie früher: Das Stadtschloss war Residenz preußischer Könige und deutscher Kaiser. Ganz links die Westfassade mit dem Portal des Architekten Johann Eosander von Göthe und der klassizistischen Kuppel

Feuchtigkeit, ein großes Thema auf Baustellen. Wo sie sich einen Weg bahnt, drohen bald und immer wieder Schäden. Die will weder der Bauherr, die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum, noch Friedels Auftraggeber. Der 33-Jährige mit Profikamera, Sicherheitshelm und Warnweste ist ein Troubleshooter; er macht seinen Job im Auftrag eines Versicherungskonsortiums, das das Projekt Stadtschloss erst ermöglicht.

Die Angst vor dem sandigen Boden

Wer Geldgeber sucht, braucht überzeugende Architekturentwürfe, gute Ideen für die Nutzung und einen realistischen Zeitplan. Und er muss Versicherungen vorweisen, die Schäden während der Bauarbeiten regulieren. Ursache für solche Schäden können Unwetter sein oder Diebstahl, Vandalismus und Sabotage, aber auch Ungeschick und Fahrlässigkeit der Handwerker. Für all das kommt die Bauleistungsversicherung auf. Darüber hinaus greift sie bei Schäden, die gleich nach Ende der Bauzeit auftreten und Folgeschäden verursachen. Daneben braucht der Bauherr eine Haftpflichtversicherung. Die springt ein, wenn etwa für die Baustelle das Grundwasser abgesenkt wird, dadurch der sandige Berliner Boden nachgibt und Nachbargebäude Risse bekommen.


Anderswo stehen sich die Arbeiter gegenseitig im Weg. Hier geht es geordnet voran: Wir sind fast im Zeitplan

Frank Fasel, Bauexperte Berliner Stadtschloss

Nicht nur für Bauherr und Stadt ist das Schloss ein Renommierobjekt. Auch Versicherungen steigen gern bei so etwas Außergewöhnlichem ein, wenn es in ihr Portfolio passt. Immerhin gestaltet der Stararchitekt Franco Stella das Haus nach dem barocken Vorbild, das im Zweiten Weltkrieg zerbombt und später abgerissen wurde. An seinem alten Platz auf der Spreeinsel steht der Koloss wieder auf, 180 mal 120 Meter, samt Andreas Schlüters Barockfassaden, Säulen, Pilastern und Statuen aus Sandstein. Nur eine Fassadenseite zeigt sich in glatter Betonklotzigkeit. Ab 2019 soll das Haus als Museum, Forschungs- und Begegnungsstätte eine prominente Rolle im Kulturleben der Hauptstadt spielen.
Bis dahin kann viel schiefgehen, wie Berliner von ihrem neuen Flughafen wissen. Beim Stadtschloss läuft es einigermaßen rund, nicht zuletzt dank Friedel und seinem Blick fürs Detail. Im Rahmen eines regelmäßigen Monitorings erkennt er früh Schwachstellen und setzt schnell Gegenmaßnahmen in Gang. Das schützt vor allem den Bauherrn, liegt aber auch im Interesse des Versicherers. Wenn Fotos und Berichte zeigen: Der Troubleshooter hat das Problem gemeldet, es wurde jedoch nicht behoben, müssen Versicherer spätere Schäden nicht regulieren. „Letzten Endes sparen die Mehrkosten durch ein professionelles Monitoring allen Beteiligten viel Geld, weil es der Schadenprävention dient“, sagt Jens Becker.

Becker leitet die Abteilung Technische Versicherungen der R+V Allgemeine Versicherung. Sein Unternehmen führt das Konsortium, das das Stadtschloss versichert; neben R+V und HDI gehören noch zwei ausländische Anbieter dazu. Ein Makler brachte die Gruppe mit dem Bauherrn zusammen, „bei Bauvorhaben dieser Art das übliche Verfahren“, sagt Becker. Auch die Versicherer prüfen die Pläne. „Dafür haben wir eigenes Know- how oder bedienen uns externer Gutachter. Sind wir von der Ausführungsplanung nicht überzeugt, lassen wir die Finger davon“, sagt Becker.
Seit zehn Jahren nutzt R+V die Monitoring- Methode, und mit Friedel als Projektmanager ist er sehr zufrieden. Der junge Mann bringe auch Erfahrung mit als Maurer, Beton- und Stahlbauer. Friedel studiert bei Frank Fasel an der FH Biberach auf Bauingenieur. Auch sein Professor ist heute auf der Baustelle. „Jetzt werden die Leitungen verlegt, da wird’s spannend“, sagt Fasel. Er sieht ebensowenig Grund zu meckern. „Wir sind fast im Zeitplan, die Phasen laufen nacheinander ab, und so geht es geordnet voran.“ Das kennt er auch anders: Wenn aus Zeitnot vieles gleichzeitig gemacht wird, behindern sich die Arbeiter, Material geht kaputt. Mauern werden zugemacht und wieder aufgestemmt. „Hier nicht“, sagt Fasel.

Alles paletti? R+V- Mann Jens Becker und die Bauexperten Frank Fasel und Robert Friedel im Innenhof des Neubaus

Er marschiert voran, durch Räume, die künftig das Humboldt Forum beherbergen und die in Design und Technik auf dem neuesten Stand sein werden. Das Forum soll den Dialog zwischen den Kulturen der Welt, zwischen Vergangenheit und Zukunft pflegen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird dazu in den riesigen Sälen asiatische Kunst ausstellen, die Humboldt-Universität ihre Forschungsarbeiten präsentieren. Kürzlich wurden die Wände mit Gips verputzt, sie trocknen von oben nach unten, kurz überm Boden sind sie am dunkelsten. Fasel hält ein Gerät wie ein Fieberthermometer an die Stelle: „Alles im Rahmen.“
Er läuft weiter, vorbei an Räumen für die künftigen Bibliotheken. In einer Nische hängen lange schwarze Schläuche wie Tentakel von der Decke, an jedem klemmt ein Manometer. Der Professor und sein Student lesen die Zeigerstände ab: „Sechs Bar, alles gut.“ In die Leitungen wird Luft gepresst, sinkt der Druck, gibt es irgendwo ein Loch. „Wehe, Sie pumpen Wasser in eine undichte Leitung“, sagt Fasel. „Das läuft Ihnen überall hin.“

Auf dem Bau wird nicht viel geredet. Aber gehandelt

Über Treppen geht es hinunter in den großen Innenhof. Friedel, Fasel und Becker stellen sich in die Mitte, legen die Köpfe in den Nacken: Die Fenster sind drin, jetzt werden die Rahmen abgedichtet. Die Klinkerfassade, die vor die Stahlbetonwände gesetzt wird, ist fast fertig. Auf dem Boden liegen stapelweise Kanthölzer, Eisengitter, Glaswolle. Friedel geht noch mal klettern, bis auf die Höhe, wo gerade gemauert wird. Arbeiter kommen ihm entgegen, junge Männer mit Berliner Schnauze, ältere, die Polnisch sprechen. Friedel steckt die Hand in den Hohlraum zwischen Mauerwerk und Stahlbeton, „da fehlt Isolierung“.
Friedel macht Fotos, noch eine Notiz. Zu Hause wird er einen Bericht schreiben und ihn per Mail in die Runde schicken, an Fasel, die Versicherer und die Projektüberwachung. Rückmeldung bekommt er selten. „Auf dem Bau wird nicht viel diskutiert“, sagt Friedel. „Aber wenn ich was melde, ist es beim nächsten Mal behoben.“