Auf der anderen Seite des Ärmelkanals begleitet man den Austrittsprozess mit demonstrativer Gelassenheit. „Wir sind Brexit-bereit“, verkündete Adrian Montague, Verwaltungsratschef des größten britischen Versicherers Aviva im April auf einem Branchentreff in London. „In Europa wird sich für uns nichts ändern“, sekundierte Nigel Wilson, Vorstandschef von Legal & General. So viel Optimismus erstaunt angesichts der Tatsache, dass es für die britischen Versicherer um ein deutlich größeres Stück des Kuchens geht als für die deutschen: Rund 20 Prozent ihres Geschäfts tätigen sie innerhalb des EU-Binnenmarktes – und auf dieses Geschäft werden sie auch in Zukunft kaum verzichten wollen.
„Da ist viel Schönrednerei im Spiel“, glaubt Jan Blumenthal, Vertreter des Londoner Versicherungsmarktes Lloyd’s in Deutschland. In Großbritannien sei es derzeit schwierig, gegen den Brexit zu argumentieren, viele Manager wollten es sich mit der Regierung nicht verscherzen – man braucht einander noch. Lloyd’s – traditionell eher regierungsnah – hatte sich klar gegen die EU-Austrittspläne positioniert und vor negativen Konsequenzen für die britische Wirtschaft gewarnt, insbesondere für den Finanzplatz London. „Durch den europäischen Binnenmarkt ist unser Geschäft gewachsen, es wäre illusorisch, zu glauben, dass nach dem 29. März 2019 alles bleibt wie vorher“, sagt Blumenthal.

Ungeklärte Rechtslage schadet den britischen Versicherern

Als einer der ersten britischen Akteure hat Lloyd’s reagiert und den Aufbau einer Tochtergesellschaft in Brüssel angekündigt, um auch künftig auf EU-Gebiet vertreten zu sein und unter EU-Regulierung Geschäfte machen zu können. Blumenthal: „Wir wollten das nicht, wir mussten das machen. Jeder, der in Zukunft noch mitspielen will, muss darüber nachdenken.“

Premierministerin Theresa May hat den Termin für den Brexit ausgelöst: den 29. März 2019. Foto: Christopher Furlong/Getty Image

Das scheinen einige andere britische Versicherer ähnlich zu sehen. So kündigte etwa Hiscox die Gründung einer Dependance in Luxemburg an, andere erwägen Branchenkennern zufolge den Umbau bestehender Niederlassungen in rechtlich selbstständige Einheiten. „Das wird etwas Geld kosten, aber das ist nicht das Ende der Welt“, sagt Adrian Ladbury, Herausgeber des Fachblatts „Commercial Risk Europe“. Er sieht die deutlich größere Gefahr darin, dass bis zur Klärung der künftigen Rechtslage europäische Kunden britische Versicherer meiden und lieber Verträge mit europäischen Wettbewerbern abschließen, die auch in zwei Jahren noch innerhalb der EU operieren dürfen. „Das ist ein echtes Marketingproblem für die britischen Anbieter“, sagt Ladbury.
Hinzu kommt: Da die britische Regierung darauf beharrt, ein strengeres Einwanderungsregime auch gegenüber EU-Bürgern einzuführen, gilt es als nahezu ausgeschlossen, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich bestehen bleibt. „Für den Finanzplatz London kann das zu einem Problem werden“, prognostiziert GDV-Chefökonom Wiener. „Die City ist angewiesen auf hochqualifiziertes internationales Personal.“ Aber auch für deutsche Unternehmen, die auf der Insel tätig sind, ist der Schutz des Mitarbeiterstatus dort wichtig. Bei aller Gelassenheit, die britische Versicherungsmanager derzeit nach außen tragen: Redebedarf scheint zu bestehen. Ein Kongress mit dem Titel „Brexit – der Weg, der vor uns liegt“, den der nationale Branchenverband ABI am 27. Juni in London veranstaltet, ist restlos ausgebucht. Nachdem es unmittelbar nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 zunächst so aussah, als könne der EU-Austritt der britischen Konjunktur nichts anhaben, scheint sich mittlerweile die veränderte Situation nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Zahlen niederzuschlagen. Im ersten Quartal 2017 wuchs die britische Wirtschaft aufs Jahr gerechnet nur noch um 0,8 Prozent – 2016 hatte das Wachstum im Gesamtjahr noch bei 1,8 Prozent gelegen. Für das laufende Jahr erwartet die Regierung ein Wachstum von 2,0 Prozent – was nach dem Ergebnis der ersten Monate nur noch schwer zu erreichen sein dürfte.

Zügige Verhandlungen, schnelle Resultate

Aus Sicht der Wirtschaft wäre es das Beste, möglichst rasch zu klären, welche Regeln künftig gelten sollen. Nur so ließen sich die Unsicherheiten in allen Branchen beseitigen und die ökonomischen Folgen des Brexits in Grenzen halten. Die Politik in Großbritannien scheint es jedoch nicht allzu eilig zu haben. Die ersten drei Monate nach der offiziellen Austrittserklärung ließ die Regierung von Premierministerin Theresa May ungenutzt verstreichen – aus Rücksicht auf die Unterhauswahlen am 8. Juni, bei denen die Konservativen von den Wählern abgewatscht wurden.

Und die Pro-Europäer? Sie haben derzeit einen schweren Stand in Großbritannien. Foto: Mary Turner/Getty Images

„Durch den Brexit verlieren wir alle“, sagt GDV-Volkswirt Wiener. „Die Frage ist nur: wie viel?“ Kurze, intensive Verhandlungen könnten immer noch zum Erfolg führen und die schlimmsten Effekte verhindern. Er befürchtet allerdings, dass die Verhandlungen nach der Wahlniederlage der Tories nur schleppend in Gang kommen werden. „Die Politiker sollten sich mäßigen und zum Wohle aller zu vernünftigen Lösungen kommen“, fordert deshalb auch Lloyd’s-Manager Blumenthal.
Vielleicht ist es nicht ganz so wie beim Millennium-Bug: Wir wachen am Morgen des 30. März 2019 auf und es ist zwar wie damals fast nichts passiert. Aber das dicke Ende kommt danach. Irgendwann.

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