Die Sorge wächst bereits lange vor dem magischen Datum. Wie wird die global vernetzte Wirtschaft den möglichen Schock verkraften? Kommt es zum Börsencrash, gar zu einer weltweiten Rezession? IT-Spezialisten bei Banken und Versicherungen schieben Sonderschichten, die britische Regierung lässt Notfallpläne ausarbeiten für den Fall, dass es zu einer Massenpanik kommt. Und dann passiert – fast nichts.
Der Millennium-Bug ist die wohl berühmteste Beinahe-Katastrophe mit eingebautem Zeitzünder. Viele der 1999 aktuellen Computersysteme arbeiteten nur mit zweistelligen Jahreszahlen und konnten somit das bevorstehende Jahr 2000 nicht von 1900 unterscheiden. Der Jahreswechsel, so die Befürchtung damals, könne die Rechner überfordern – mit unabsehbaren Folgen. Tatsächlich gab es nach dem Neujahrstag diverse Fehlbuchungen bei Banken, Neugeborene kamen als 100-Jährige auf die Welt, und Bibliotheken berechneten Mahngebühren für seit einem Jahrhundert entliehene Bücher. Das war’s. Der befürchtete Weltuntergang fiel aus, die Notfallpläne verschwanden in der Schublade. Und die Apokalyptiker schämten sich ein bisschen.

Der Brexit wird kommen. Aber was passiert dann?

Seit drei Monaten gibt es wieder ein Datum für ein mögliches ökonomisches Desaster mit Ansage: Am 29. März 2017 hat die britische Regierung die Austrittserklärung ihres Landes bei der Europäischen Union eingereicht. Seither tickt die Uhr. Klar ist: Am 30. März 2019, nach dem Ablauf der vertraglich festgelegten Zweijahresfrist, wird Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU sein. Eine Möglichkeit, dieses Szenario noch abzuwenden, gibt es wohl auch nach den Unterhauswahlen in Großbritannien nicht mehr. Brexit bedeutet Brexit.

Was danach kommt, weiß derzeit niemand genau zu sagen. Speziell für die Versicherungswirtschaft, deren Kerngeschäft es ist, Risiken einzuschätzen, zu bewerten und zu kalkulieren, ist das eine unangenehme Situation. Schließlich kann der Brexit die Gesamtwirtschaft Milliarden kosten. „Es hätte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen, wenn die EU und Großbritannien im Streit auseinandergingen, ohne ein Abkommen über die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen“, sagt Klaus Wiener, Chef- volkswirt des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Dass am Ende der Gespräche tatsächlich ein neuer Vertrag steht, hält er keineswegs für sicher. „Insbesondere nach der Wahl in Großbritannien ist die ohnehin schon kurze Zeit noch einmal knapper geworden und die politische Stimmung auf beiden Seiten aufgeheizt.“ Auch Jan Blumenthal, Hauptbevollmächtigter des Londoner Versicherers Lloyd’s in Deutschland, ist wenig optimistisch: „Wir müssen vom Worst Case ausgehen.“
Dieser schlimmste Fall hieße: Am 30. März 2019 fällt das Vereinigte Königreich zurück auf den Status eines Drittstaats. Im grenzüberschreitenden Handel gelten dann die Regeln der Welthandelsorganisation. Versicherer, die mit der Zulassung eines anderen EU-Landes in Großbritannien Geschäft betreiben, hätten dafür auf britischem Territorium plötzlich keine Erlaubnis mehr, auf der Insel beschäftigte EU-Bürger verlören womöglich ihr Aufenthaltsrecht.

Großbritannien ist ein wichtiger Auslandsmarkt

Mit einem Beitragsvolumen von mehr als 320 Milliarden Dollar und einem Weltmarktanteil von 7,0 Prozent ist Großbritannien der größte Versicherungsmarkt Europas und die Nummer vier weltweit – hinter den USA, Japan und China. Eine ganze Reihe deutscher Versicherer ist mit einer deutschen Zulassung in Großbritannien tätig. Die damit vereinnahmten Beiträge von 1,3 Milliarden Euro (2015) machen allerdings weniger als ein Prozent der gesamten Beitragseinnahmen aus. „Eine existenzielle Bedrohung kann man da sicher nicht ausmachen“, sagt GDV-Experte Wiener.

Durch den Brexit verlieren wir alle. Die Frage ist nur: wie viel?

Klaus Wiener, Chefvolkswirt des GDV

Zumal sich der Verlust des „europäischen Passes“ für den britischen Markt durch die Gründung einer nationalen Tochtergesellschaft kompensieren ließe, wie sie Allianz und Munich Re als bisher einzige deutsche Versicherer bereits unterhalten. Diese würde dann von der künftigen britischen Aufsichtsbehörde reguliert und hätte dieselben Rechte wie britische Assekuranzunternehmen. Im Gegenzug müssten allerdings wichtige Kernfunktionen vom Risikomanagement bis zur Personalabteilung vor Ort aufgebaut und vorgehalten werden, was steigende Kosten bedeutet. Angesichts des harten Wettbewerbs auf der Insel dürfte sich das in vielen Fällen nicht rechnen.
Insgesamt dürften sich die direkten negativen Folgen des britischen EU-Austritts hierzulande jedoch in Grenzen halten. „Der Brexit wird in unserem Arbeitsalltag zwar Mehrarbeit verursachen, aber wir verfügen über das Handwerkszeug, ihn versicherungstechnisch bewältigen zu können“, sagt Jens Lison, Firmenkundenvorstand der Allianz Deutschland. „Das stellt uns vor keine unlösbaren Aufgaben, auch wenn es für finale Aussagen hierzu noch zu früh ist.“

Britische Aktien geraten unter Druck

Größeres Ungemach droht der Branche womöglich durch die indirekten Folgen eines harten Brexits. So ist der Kurs des Pfunds von Jahresbeginn 2016 bis heute um rund 16 Prozent gefallen. Und er dürfte weiter sinken, sollten sich die Aussichten für die britische Wirtschaft verschlechtern, etwa durch ein Scheitern der Austrittsgespräche. 3,8 Prozent der Kapitalanlagen deutscher Erstversicherer – knapp 60 Milliarden Euro – sind im britischen Währungsraum investiert. Hier könnten sich erhebliche Bewertungsverluste ergeben. Gleiches gilt für die Kurse britischer Anleihen und Aktien, sollten diese infolge des Brexits unter Druck geraten, beispielsweise weil Fonds, die in EU-Papiere investieren, sie aus ihrem Portfolio verbannen.
GDV-Chefvolkswirt Wiener rechnet damit, dass sich aufgrund der anhaltenden Unsicherheit rund um die Austrittsverhandlungen die dringend erforderliche Abkehr der Europäischen Zentralbank von ihrer ultra- lockeren Geldpolitik verzögert. Das hieße: Die Nullzinspolitik geht weiter – mit all ihren negativen Folgen insbesondere für Renditechancen in der Lebensversicherung.

Da ist die Luft raus: Großbritannien setzt auf eigene Stärken und meint, auf die EU verzichten zu können. Foto: Sascha Steinach/dpa/ Picture-Alliance

Die größte Sorge bereitet der Branche allerdings die künftige Regulierung britischer Versicherer, wenn diese nicht mehr dem einheitlichen europäischen Aufsichtsrahmen unterliegen. Bisher konkurrieren Europas Versicherer EU-weit zu gleichen Solvency-II-Bedingungen. So sind etwa die Kapitalreserven, die die Unternehmen zur Abdeckung möglicher Schadensfälle jederzeit vorhalten müssen, über die Solvency-II-Richtlinie klar und einheitlich geregelt. Sollten britische Versicherer nach dem Brexit weiter freien Zugang zum europäischen Markt erhalten, ohne dass die EU dies an klare Bedingungen knüpft, könnte die britische Regierung versucht sein, heimischen Anbietern mit weniger strengen Anforderungen Vorteile zu verschaffen. „Versicherer mit geringeren Kapitalanforderungen haben auch geringere Kosten“, sagt Wiener. „Damit könnten sie günstigere Preise anbieten und hätten einen unfairen Wettbewerbsvorteil.“

Gleiche Rechte und Pflichten für alle

Von der EU-Verhandlungskommission erwartet die Branche daher, dass sie allen Bestrebungen in diese Richtung einen Riegel vorschiebt. „Wir brauchen einheitliche Spielregeln“, fordert Wiener. Das sei nicht nur im Interesse der Versicherer, sondern auch der Europäischen Union selbst. Würde sie den Briten weiter die Vorteile der EU-Mitgliedschaft gewähren, ohne dass sie die Lasten tragen, könnte dies andere Staaten ermutigen, dem britischen Beispiel zu folgen. Genau dieses Signal will EU-Verhandlungsführer Michel Barnier um jeden Preis vermeiden.

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