Das System aus den Angeln heben, Banken überflüssig machen und so den Kapitalismus ins Herz treffen: Es steckt ein anarchistischer Impuls hinter der Bitcoin-Bewegung. Während die virtuelle Währung vorerst weitgehend passé ist, reden heute alle über das dahinterliegende Betriebssystem, die Blockchain. Nicht weil es Banken überflüssig macht, sondern weil es im Gegenteil dabei hilft, das Finanzsystem neu zu erfinden. Und möglicherweise die Assekuranz gleich mit dazu.
Die Datenbank-Technik einer Blockchain verspricht eine nie da gewesene Effizienz, denn sie gilt als weitgehend betrugssicher. „Was das Internet für die Kommunikation ist, wird Blockchain für die Transaktion sein“, prophezeit das Schweizer Gottlieb Duttweiler Institut.
Bei Blockchain werden alle Transaktionen minutiös erfasst, abgespeichert und dezentral verifiziert, von einer „Crowd“ aus Tausenden beteiligten Rechnern. Dieser Crowd kann jeder beitreten, indem er Rechner-Ressourcen zur Verfügung stellt. Ein internes Belohnungssystem sorgt dafür, dass sich dafür genügend Rechner finden. Alle zehn Minuten generiert zum Beispiel der Algorithmus von Bitcoin eine feste Zahl neuer digitaler Münzen, die in einer Art Lotterie unter allen verteilt werden, die sich an der aufwendigen Überprüfung von Transaktionen beteiligen. Nach diesem Prinzip funktionieren alle Blockchains, von denen Bitcoin nur ein Beispiel, wenngleich das weltweit bekannteste ist.

Will etwa Frau Schulz einen Bitcoin an Herrn Schmidt schicken, wird die geplante Überweisung kritisch begutachtet und mit den Daten aus dem Blockchain-Kassenbuch abgeglichen: Ist Frau Schulz wirklich die aktuelle Besitzerin des konkreten Bitcoins, hat sie ihn vielleicht zuvor schon ausgegeben? Ist alles in Ordnung, wird die Transaktion zusammen mit allen anderen Überweisungen der letzten zehn Minuten abgespeichert und mit mathematischen Berechnungen in einem digitalen sogenannten Block zusammengefasst. Dieser neue Block wird an die Kette anderer Blöcke gehängt – die Blockchain. Diese Datenbank liegt auf den Rechnern aller Teilnehmer und wird automatisch synchronisiert. Banken interessieren sich für solche Geld-Transaktionen, in Euro statt mit Bitcoins, Versicherer eher für Verträge – „Smart Contracts“, wie sie bei Blockchain heißen. Es lässt sich nämlich als Grundlage für solche Verträge in die Metadaten eine Wenn-Dann-Bedingung einprogrammieren. Ist das Wenn erfüllt, folgt automatisch das Dann, sobald es von der Crowd verifiziert wird.

Weg mit den Zwischenhändlern

Das klappt tatsächlich, wie Allianz und Munich Re herausgefunden haben. Allianz Risk Transfer hat kürzlich Katastrophen-Swaps und -Anleihen getestet. Grob vereinfacht funktioniert das folgendermaßen: Zwei Vertragspartner setzen sich zusammen und legen fest, wie viel Geld im Falle einer bestimmten
Katastrophe gezahlt wird; dieses Wenn-Dann wird im Smart Contract festgehalten. Die Experten von der Allianz haben nicht auf den nächsten Hurrikan oder das nächste Erdbeben gewartet, sondern das Ganze simuliert und festgestellt: Wenn-Dann klappt. Und spart Kosten, sagt Richard Boyd, Chief Underwriting Officer bei Allianz Risk: Bislang müssen Intermediäre wie Makler oder Banken die Transaktionen freigeben und legitimieren – das kostet Zeit und Geld.
Das dürfte erst der Anfang sein. Die Vordenker bei McKinsey skizzieren bereits weitere Einsatzmöglichkeiten. Dazu zählen Mikroversicherungen mit niedrigen Abwicklungskosten, mit denen sich beispielsweise Landwirte in Schwellenländern gegen Ernteausfälle schützen können. Bislang ist das Geschäft für beide Seiten wenig lukrativ. Der Versicherer muss seinen gesamten Verwaltungsapparat in Bewegung setzen, selbst bei überschaubaren Summen. Das macht die Police teuer. Folge: Mangels Angebot und Nachfrage kommen selten Verträge zustande.

Abschlusskosten: nahe null

Das wird sich laut dem McKinsey-Papier „Blockchain in Insurance – Opportunity or Threat?“ ändern, denn dank der Blockchain sinken die Abschlusskosten auf fast null. Das ist gut für beide Seiten. Die Versicherten genießen einen weiteren Vorteil: Die Klimadaten belegen objektiv, dass der Ernstfall eingetreten ist, das spart langwierige Auseinandersetzungen. Das Geld fließt prompt und automatisch.
Ein anderes McKinsey-Szenario beschäftigt sich mit dem „Internet der Dinge“ und was es im Haushalt verändert. So werden künftig auch Geschirrspüler, Mixer und Kühlschrank ans Internet angeschlossen sein. Über die Blockchain könnten diese einzeln versichert werden. Kommt es zu einem Schaden, ist der
über das Internet verifizierbar. Und die Versicherung greift, sofort und automatisch.


Was das Internet für die Kommunikation ist, wird die Blockchain für die Transaktion sein

Karin Frick, Research-Leiterin des Gottlieb Duttweiler Instituts

Was im Kleinen klappt, könnte auch im großen Stil funktionieren. Deshalb ist Munich Re so interessiert an Blockchain, ein ganzes Team erforscht beim Rückversicherer mögliche Einsatzmöglichkeiten. „Es könnten beispielsweise administrative Abläufe zwischen Erst- und Rückversicherern schneller, transparenter und kostengünstiger abgewickelt werden“, sagt Markus Tradt, Systementwickler beim Rückversicherer.
So weit sei Munich Re aber noch nicht. Zuvor müssten technische Hürden genommen werden, Sicherheits-, regulatorische und rechtliche Fragen geklärt werden.
Tatsächlich ist bei der Blockchain vieles noch offen und ungewiss, beispielsweise die Skalierbarkeit. Das Netzwerk der Bitcoin-Blockchain kann derzeit nur sieben Transaktionen pro Sekunde abwickeln. Und inwiefern Regulatoren und Gerichte eines Tages die Abläufe von Smart Contracts anerkennen, das bleibt auch abzuwarten.
Ein paar Newcomer wagen sich derweil schon mal vor, wenn auch kaum weiter als in einem Testbetrieb: Das Startup InsurETH etwa arbeitet an einer Flugversicherung auf
Blockchain-Basis. Kommt es zu einer Flugverspätung, die über anerkannte Datenquellen erfasst wird, wird der jeweils vereinbarte Betrag über einen Smart Contract automatisch an den Versicherten ausgeschüttet.

Register für Diamanten

Auf dem Markt aktiv ist InsurETH noch nicht, anders als Everledger. Das Londoner Start-up verpasst Diamanten ein eindeutiges Profil auf Grundlage von mehr als 40 individuellen Merkmalen und vermerkt diese in der Blockchain. Everledger hat nach eigenen Aussagen bisher Hunderttausende Diamanten-Identitäten in die Blockchain eingetragen. Dieses Herkunftsregister soll einen Versicherungsbetrug unmöglich machen. „Wir erwarten so schnell noch keine direkten Einflüsse auf die Wertschöpfungskette der Versicherer durch die Blockchain-Technologie“, sagt Christian Noelle, Geschäftsführer Digitale Agenda, IT und Services beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Aber durch Blockchains angestoßene Veränderungen in anderen Branchen könnten auch zu positiven Effekten für Versicherer führen.“
Dazu passt die Prognose von McKinsey, dass wir erst in fünf Jahren sehen werden, welches Potenzial in der Blockchain steckt. Bis dahin muss die digital-dezentrale Buchhaltung zeigen, wie verlässlich sie ist. Deshalb rät McKinsey: „Jetzt ist für den Versicherungssektor der beste Zeitpunkt, die Blockchain-Technologie und ihre Potenziale weiter zu erforschen.“ Genau so sehen das viele Versicherer auch.