Herr Niebler, jeder vierte Arbeitsplatz in Westeuropas Assekuranz werde bis 2026 gestrichen, vor allem im Innendienst würden Stellen wegfallen, so lautet eine schockierende Prognose der Unternehmensberatung McKinsey. Macht Ihnen dieses Szenario Angst?Dieses Horrorgemälde deckt sich nicht mit meiner Einschätzung. Im Innendienst zählen wir in Deutschland seit 2009 nahezu konstant rund 160.000 Angestellte. Was sich seitdem geändert hat, ist die Struktur der Belegschaft. Einfache Tätigkeiten fallen durch Automatisierung und Digitalisierung weg – dieser Trend wird sicher anhalten. Parallel werden die Aufgaben für Spezialisten oftmals ausgebaut – auch das wird so weitergehen.

Die Versicherer beschäftigen derzeit insgesamt 210.000 Angestellte. Wie viele davon bleiben in zehn Jahren übrig?Laut McKinsey wären es nicht einmal 160.000. Ich rechne hingegen mit 180.000 bis 190.000 Beschäftigten. Das entspricht einem jährlichen Personalabbau von durchschnittlich ein bis eineinhalb Prozent. Mehr Arbeitsplätze gehen nicht verloren, davon bin ich überzeugt.

Was bedeutet das für die verbleibenden Mitarbeiter? Bahnt sich für sie eine massive Umstrukturierung ihrer Arbeitsprozesse und -umgebung an?Die Hierarchien wurden ja schon flacher, aber da kann man sicher noch mehr machen. Die klassische Führung ist in vielen Bereichen auf dem Rückzug, die Vernetzung auf dem Vormarsch. In etwa der Hälfte der Versicherungsunternehmen können die Mitarbeiter bereits im Homeoffice arbeiten.

Wie meistern Angestellte die digitale Transformation ihrer Arbeitsprozesse? Die berufliche Weiterbildung hat in der Versicherungswirtschaft einen besonders hohen Stellenwert. Die Unternehmen investieren viel Geld in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter. Nach unseren aktuellsten Zahlen bildet sich jeder Innendienstmitarbeiter durchschnittlich 58 Stunden pro Jahr weiter – das sind 25 Stunden mehr als in der deutschen Gesamtwirtschaft. Hier sind wir Vorreiter!

Wie sieht es beim Außendienst aus? Verdrängen Online-Angebote die persönliche Beratung?Junge Deutsche wollen eher digital als persönlich mit Versicherern kommunizieren, das besagen zumindest diverse Studien. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Natürlich soll jeder Kunde die gewünschte Police so abschließen und einen Schaden so regulieren können, wie er das will. Aber es liegt auf der Hand, dass der Kunde oftmals seinen Schaden zunächst per Mail melden und bei Problemen gern persönlichen Kontakt zu einem Sachbearbeiter aufnehmen möchte. Kunden werden die Kommunikation selbst steuern – die Assekuranz muss deshalb auf allen Wegen ansprechbar sein. Entscheidend wird sein, den direkten Zugang zum Kunden zu behalten.

Mit welchen Argumenten würden Sie junge Menschen heute von einem Job bei einem Versicherer überzeugen?Mit der Vielfalt, die wir bieten. In kaum einer anderen Branche sind so viele Berufe zu Hause wie in der Assekuranz. Und wer bei der Arbeit ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit schätzt und individuelle Förderung sucht, der ist bei uns richtig.