Wenn Soeren Henniges über das „Berliner Modell“ spricht, meint er fingierte Verkehrsunfälle: Ein Täter mietet einen gut versicherten Kleinwagen und fährt damit nachts absichtlich in eine ältere Luxuskarosse. Anschließend kassiert der zweite Täter als Besitzer des anderen Autos von der Versicherung des Kleinwagens Geld für den angeblichen Unfall- schaden. Manchmal ist noch ein Gutachter mit von der Partie, der den Schaden besonders hoch bewertet. Und immer wieder auch eine Rechtsschutzversicherung, die die Täter in petto haben, sollte man beim Kfz-Versicherer Lunte gerochen haben und womöglich nicht zahlen wollen.
Hier kommt Henniges ins Spiel. Er ist Geschäftsführer von RSS Rechtsschutz-Service. Die Tochter des Wiesbadener Rechtsschutzversicherers Deurag, der zur Signal Iduna Gruppe gehört, reguliert ausschließlich Rechtsschutzschäden. Zu Deutsch: Henniges entscheidet mit seinem Team, ob und wie viel die Deurag zahlt. Und weil Verkehrsunfälle häufig beim Anwalt landen, echte wie fingierte, gehört es zu seinen Aufgaben, zu erkennen, wie es wohl wirklich war.
Hiesigen Versicherern entstehen jedes Jahr Kosten von rund 4 Milliarden Euro allein aufgrund fehlerhafter, unwahrer, unvollständiger oder betrügerischer Angaben, schätzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, GDV. Und jeder zehnte Autounfall hat wohl nicht so stattgefunden wie behauptet.

Es geht darum, mehr Vorgänge in weniger Zeit zu verarbeiten

Klaus Füchtler, Vorstand der DEVK Rechtsschutz-Versicherung-AG

Das macht die Betrugserkennung auch für Rechtsschutzversicherer zum Multi-Millionen-Geschäft – und dabei können Maschinen den Menschen massiv unterstützen. „Wenn es uns gelänge, aus all den Schadensmeldungen automatisiert schon mal alle die herauszufiltern, die sicher nicht fingiert sind, wäre das eine große Entlastung für unsere Sachbearbeiter”, sagt Henniges. Dass er „wenn“ und „wäre“ sagt, zeigt schon an: Ganz so weit sind die IT-Systeme, die in seinem Haus zum Einsatz kommen, dann eben doch noch nicht.
Die überschaubare Sparte der Rechtsschutzversicherung gilt in vielen Organisationen als Versuchsfeld für den Einsatz neuer Technik, bevor man die Erkenntnisse auf die weitaus größeren Sachversicherungssparten überträgt. „Die Rechtsschutzversicherer zählen beim Einsatz von IT in der Schadenbearbeitung zu den Vorreitern“, bestätigt Klaus Füchtler, Vorstand der DEVK Rechtsschutz-Versicherungs-AG: „Der Haupttreiber dafür ist die Produktivitätsverbesserung. Es geht darum, mehr Vorgänge in weniger Zeit zu verarbeiten.“ Und das können Maschinen nun einmal in aller Regel besser als der Mensch.

Der erste Leser ist ein Computer

In drei Feldern kommen die Algorithmen inzwischen regelmäßig zum Einsatz. Erstens bei der sogenannten Neuschadenanlage. Meldet der Versicherte oder sein Anwalt einen Schaden, liest in vielen Fällen nicht mehr ein Mensch als Erster die Post, sondern ein Computer. Der versucht, aus dem Schriftsatz herauszufiltern, worum es in der Sache geht, wann der gemeldete Schaden eingetreten ist und um welche Summe gestritten wird. „Bei gut einem Drittel der an uns übergebenen Schäden lässt sich mit dem Verfahren inzwischen automatisch der Datensatz anlegen, den wir brauchen“, berichtet Deurag-Regulierer Henniges. Bei den anderen Fällen bleiben Fragen offen, die automatische Bearbeitung scheitert.

Es folgt der zweite Schritt: die Deckungsentscheidung. Auch hier helfen Rechner. Sie prüfen, ob Versicherungsschutz bestand und der Schaden gedeckt ist, geben grünes Licht oder melden Zweifel an. „Deckungszusagen kann der Computer schon allein treffen“, sagt Henniges. Bevor der Versicherer die Kostenübernahme mit inhaltlichen Argumenten ablehnt, hat dagegen immer ein Mensch geprüft: „Das überlassen wir keiner Maschine.“ Für knapp ein Viertel der automatisch angelegten Schäden kommt ein Okay direkt vom Rechner. Im Schnitt wandert damit bei der Deurag heute eine von neun Anfragen bis zur Deckungszusage komplett im Modus der automatisierten Verarbeitung durchs Haus.
Abschließend übernehmen die Algorithmen im dritten Akt die Rechnungsprüfung. Dazu vergleichen Computer die Kostennoten der Anwälte mit Gebührenordnung und Streitwert, überprüfen die Selbstbeteiligung des Versicherten und geben die Auszahlung frei. Geht alles glatt, läuft dieser Prozess nicht nur besonders preiswert ab, sondern deutlich schneller als die händische Bearbeitung.
Auch bei den Rechtsschutzversicherern der DEVK helfen Algorithmen bei Schadenanlage und Rechnungsprüfung. Was die Deckungsentscheidungen angeht, hat die DEVK- Gruppe gerade einen Test bei Ordnungswidrigkeiten im Verkehrsrecht am Laufen – etwa bei Einsprüchen gegen Bußgelder oder Fahrverbote. „Da lässt sich aus den Schriftsätzen der Anwälte vergleichsweise leicht herausfiltern, worum es geht“, erklärt Vorstand Füchtler. In anderen Rechtsgebieten verzweifeln die Maschinen zur semantischen Texterkennung noch am Juristenlatein.

Bei einem Drittel der Schäden lässt sich inzwischen automatisch der Datensatz anlegen, den wir brauchen

Soeren Henniges, Geschäftsführer der RSS Rechtsschutz-Service GmbH

Darin liegt wohl die größte Herausforderung: Anwälte reichen meist frei formulierte Schriftsätze ein, die keinerlei Regeln oder Standards folgen – Maschinen brauchen aber strukturierte Daten, um entscheidungsfähig zu sein. An dieser Mensch-Maschine-Schnittstelle knirscht es gewaltig. Die bisherigen Versuche der Branche, Anwälte zu einer standardisierten Schadensmeldung zu bewegen, haben sich bisher kaum durchgesetzt.

Noch fehlen allgemein akzeptierte Standards

Das liegt auch an den Versicherern, behauptet Christian Schäfer, Fachanwalt für Arbeits- und Sozialrecht bei der Essener Rechtsanwaltskanzlei Linten. Die Kanzlei benutzt bei mehreren Rechtsschutzversicherern spezielle Datenmasken, um ihre Fälle zu kategorisieren. „Das ist ein riesiger Flickenteppich“, sagt Schäfer: „Jeder macht es anders.“ Obwohl der GDV über sein Schadennetz längst einen normierten Kommunikationsstandard bereitstellt, sei viel Handarbeit nötig, um Datensätze im Sinne jedes einzelnen Versicherers zu erstellen. Manche große Adresse arbeite bis heute auf Papier. Andererseits aber sind gerade kleinere Kanzleien auch nicht immer bereit dazu, die Dateneingabe für die Versicherer zu übernehmen.
So hat sich ein klassisches Henne-Ei-Problem entwickelt: Manch ein Versicherer beklagt sich hinter vorgehaltener Hand über die Marotten der Anwälte und hofft auf leichter maschinenlesbaren Input. Manch ein Anwalt sieht dagegen überhaupt nicht ein, warum er den Versicherern die Digitalisierungsarbeit abnehmen soll.
Gewiss ist: Automatisierte Rechtsentscheidungen von Computern wird es nicht geben. Das wäre nicht nur aus datenschutzrechtlich kritisch, sondern widerspricht auch den freiwilligen Verhaltensregeln der Branche, die keine automatisierten Entscheidungen zu Lasten der Betroffenen erlaubt. Die Maschinen sind also letztlich so etwas wie Übersetzer für Juristenlatein – aber keine Rechtsentscheider.