Diese Zahlen fordern jeden einzelnen, sich fürs Alter über die Rente hinaus abzusichern. Es fordert uns als Gesellschaft, die Rente weiterzuentwickeln, um Versorgungslücken zu schließen. Und es fordert uns, eine Arbeitswelt zu ermöglichen, die Menschen mit Mitte 60 nicht einfach aus dem Berufsleben kickt. Denn viele Senioren werden sich wegen ihrer mageren Rente gar nicht leisten können, mit Mitte 60 in den Ruhestand zu gehen. Andere werden, weil sie sich fit fühlen, nicht wechseln wollen. Sie arbeiten einfach weiter, suchen sich Minijobs oder bleiben länger bei ihrem Arbeitgeber.

Gut so, denn viele Unternehmen sind auf die älteren Mitarbeiter angewiesen. In den meisten Branchen wachsen zu wenige junge Fachkräfte nach. Im Hamburger Hafen zum Beispiel fährt immer noch ein Lotse Schiffe über die Elbe, der inzwischen 78 Jahre alt ist – es gibt einfach zu wenige Nachwuchskräfte, die alle Schichten abdecken können. Dadurch ändert sich auch die Struktur in den Unternehmen: Die Belegschaften altern. Der Chef des 78-Jährigen ist übrigens 84 Jahre alt.

Wohnen in den eigenen Räumen

Oder nehmen wir das Beispiel Wohnen: Im höheren Alter haben die Menschen andere Bedürfnisse als in jungen Jahren. Selbst wenn die vielzitierten Alten-WGs wohl ein Großstadtphänomen bleiben werden, wie Zukunftsforscher Peter Wippermann prophezeit: Keine Ausnahme, sondern die Regel wird es sein, dass die meisten Menschen so lange wie möglich in den eigenen Räumen leben wollen – und trotzdem den Wunsch haben, sich sicher und aufgehoben zu fühlen. Die Großfamilie aber, in der das früher selbstverständlich war, ist Vergangenheit. Also muss dem Bedürfnis nach Sicherheit anders Rechnung getragen werden.

In diese Lücke dringt die Technik vor: Die Industrie entwickelt Apps, die Gesundheitsdaten wie den Blutdruck messen und bei bedenklichen Werten selbstständig den Arzt informieren. Sie forscht an Sensoren, die in Kleidungsstücke eingenäht werden und bei Stürzen Alarm schlagen, und an Notfallsystemen für Menschen, die zu Hause leben. „Die Menschen werden durchtechnisiert“, sagt Zukunftsforscher Wippermann. „Die Fürsorge, die man früher über das soziale Umfeld und die Familie erfuhr, wird immer mehr technologisch ausgeglichen.“

Für ein lebenswertes Leben

Wo liegen die natürlichen Grenzen dieser Entwicklung? Wird das mit der Alterung immer so weitergehen, ist nach oben hin alles offen? Nein, sagt K. Lenhard Rudolph, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena. Nicht das maximale Alter der Menschen steigt kontinuierlich, so dass die Lebenserwartung irgendwann weit jenseits der 100 Jahre liegen wird. Sondern es steigt die Anzahl der Menschen, die ein sehr hohes Alter erreichen können.

Die medizinische Forschung geht deshalb nicht dahin, dem Alter ein Schnippchen zu schlagen, sondern es lebenswert zu erhalten. Es gilt, die sogenannten Alterskrankheiten in den Griff zu bekommen, die eine natürliche Folge der hohen Lebenserwartung sind – altersdement zum Beispiel kann nur werden, wer überhaupt ein entsprechendes Alter erreicht. Auch das ist eine große Herausforderung, vor der die heutige Gesellschaft steht, sagt Leibniz-Forscher Rudolph: „Unser Ziel muss es sein, die Gesundheitsspanne zu verlängern. Damit das lange Leben auch wirklich lebenswert bleibt.“

Die Mutter von Ute Sanders jedenfalls genießt ihr Leben als Seniorin in vollen Zügen. Neulich hat sie aus Kroatien angerufen. Schön sei es da, hat sie ihrer Tochter gesagt.

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