Denn im Alter ist noch vieles an persönlicher Entwicklung möglich. Es gibt nicht die eine Rolle des Lebens, die man in jungen Jahren für sich findet und immer weiterspielt. Im Gegenteil: Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Persönlichkeit auch und gerade im höheren Alter noch stark verändern kann. Da tut sich erstaunlich viel, sagt Jule Specht, Professorin für Entwicklungspsychologie an der FU Berlin: „Bis zu 25 Prozent aller Menschen verändern ihre Persönlichkeit im hohen Alter noch einmal deutlich“, interessanterweise als Gegenbewegung zur früheren Ich-Findung. Der werden nämlich enge Grenzen gesetzt: Junge Menschen steigen in den Beruf ein, gründen Familien – das alles setzt eine gewisse Angepasstheit voraus. Im Alter hingegen gibt es diese Sachzwänge nicht mehr. Da braucht man schlichtweg nicht mehr so angepasst zu sein. Entsprechend vielfältig verläuft die persönliche Entwicklung.

 

Viele alte Menschen, die früher zum Beispiel überkontrollierend waren, verfallen nun in ein entspanntes Laissez-Faire. Wem es wichtig war, die Mahlzeiten zu festen Zeiten einzunehmen, genießt es jetzt vielleicht, sich durch den Tag treiben zu lassen. Oder auch umgekehrt: Manche Menschen, die das Leben immer genommen haben, wie es kam, wünschen sich im Alter mehr Struktur und Kontrolle. Andere Werte halten Einzug ins Leben. „Es gibt im hohen Alter nicht mehr den einen vorgegebenen Weg, sondern viele individuelle“, sagt Entwicklungspsychologin Specht.

Den eigenen Weg finden

Zeit also, sich den eigenen Weg zu suchen, Nischen zu finden, langgehegte Wünsche endlich umzusetzen. Nicht jeder wird 600 Kilometer in Deutschlands östlichste Stadt ziehen wie Joachim Otto, seine gut gehende Konditorei verkaufen wie Rüdiger Nehberg oder seine Bankkarriere dreingeben, um Bier zu brauen wie Martin Schupeta – solche Neustarts werden wahrscheinlich eine Ausnahme bleiben. Doch auch im Kleinen bieten sich viele neue Möglichkeiten. Vielleicht ist jetzt endlich Zeit für den Spanischkurs, für den man nach Dienstschluss immer zu müde war. Für eine längere Reise. Oder für den eigenen Garten – in der Natur zu werkeln statt im Büro zu sitzen, bringt ein ganz anderes Lebensgefühl.

Vielleicht entdeckt man auch den Sport ganz neu für sich. Auch da ist jenseits der 65 Jahre noch einiges drin: Die Amerikanerin Harriette Thompson ist im Alter von 92 Jahren noch Marathon gelaufen, und der Japaner Yuichiro Miura hat mit 80 Jahren den Mount Everest bestiegen.
Extreme, gewiss. Doch auch Beispiele dafür, was im Alter noch alles geht. Selbst untrainierte Rentner können mit Freunden durch den Park walken. Und für geübte Wanderer ist eine Alpenüberquerung auch im hohen Alter noch drin.

Aber mit wem? Nun kommt auch die Zeit, Freundschaften zu überdenken. Denn auch die Beziehungen verändern sich, wenn man älter wird: In jungen Jahren wünschen sich die meisten Menschen einen großen, vielfältigen Bekanntenkreis. Sie wollen mit anderen zusammen Lebenserfahrung sammeln und Wissen erlangen. Im Alter hingegen lebt man mehr im Hier und Jetzt. Da will man nicht in etwas investieren, was sich erst in zehn Jahren womöglich auszahlen kann. Emotionale Bindungen werden wichtiger. Lieber schöne Momente als ein großes Wissensnetzwerk. Besser ein kleiner, enger Freundeskreis statt unzähliger Bekannter.

Hier liegen Chancen wie Herausforderungen, für den Einzelnen ebenso wie für die gesamte Gesellschaft. Die verändert sich, wenn es mehr ältere als jüngere Menschen gibt. Die Arbeitswelt, das Gesundheits- und Rentensystem haben sich in einer Zeit entwickelt, in der das Zahlenverhältnis umgekehrt war und die Jüngeren die Versorgung der Älteren erwirtschaften sollten. Das funktioniert heute nicht mehr ohne weiteres.

Nehmen wir die Rente: In den 1970er-Jahren lag die durchschnittliche Rente eines Arbeitnehmers noch bei rund 60 Prozent seines vorherigen Erwerbseinkommens. Diese Zeit ist lange vorbei. Die Prognos AG ist in Modellrechnungen auf Zahlen gekommen, die nachdenklich stimmen: Ein Ingenieur, der 2040 in der Sächsischen Schweiz in Rente geht, muss dann – was die Kaufkraft angeht – mit weniger als einem Drittel seines letzten Arbeitseinkommens auskommen. Eine Verkäuferin, die zwei Kinder großgezogen hat und 2040 auf Sylt in Rente geht, erhält zwar die Hälfte ihres bisherigen Lohns, das summiert sich allerdings auf bescheidene 930 Euro – umgerechnet auf die heutige Kaufkraft dieser Rente.

< 1 2 3>