Ute Sanders hatte sich das anders vorgestellt. Da lebt ihre Mutter schon in derselben Stadt, wäre also eigentlich die perfekte Babysitterin für ihren Sohn Lennart, vier Jahre alt und schwer verliebt in die Oma. Doch die ist einfach nie da. Gerade ist sie mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs, in Kroatien dieses Mal. Davor war sie schon in Südspanien, den Frühling hatte sie weitgehend in der Türkei verbracht. Nur zu Hause in Hamburg ist sie selten. Als Babysitterin für Lennart fällt die Oma aus. „Kann die nicht einfach mal eine richtige Großmutter sein?“, schimpft Ute Sanders.

Das Alter kommt später

Eine richtige Großmutter, was soll das sein? Sind das die Frauen mit weißem Dutt und Käthe-Kruse-Puppe auf dem wuchtigen Sofa, wie früher in den Kinderbüchern? Diese Bücher müssen umgeschrieben werden, denn solche Großmütter lernen kleine Kinder kaum mehr kennen. Wer heute ins Rentenalter wechselt, hat die grauen Haare übertönt, reist ins Ausland und trifft sich mit Freunden zum Walken im Park. Die heutigen Senioren sind oft das, was mal die Mittvierziger waren: agil, mobil – und viel gesünder, als man sich das früher hätte vorstellen können. „Das gefühlte Alter ist deutlich nach unten gegangen“, sagt der Trendforscher Peter Wippermann. „Die Menschen fühlen sich zumeist zehn bis 15 Jahre jünger, als es im Personalausweis steht.“

Das Alter kommt später. Irgendwann. Noch vor 100 Jahren wurden Männer im Durchschnitt nur 47,4 Jahre alt, Frauen auch nur bescheidene 50,6 Jahre. Inzwischen leben die Menschen durchschnittlich fast doppelt so lange. Heute 42-jährige Frauen haben laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis eine Lebenserwartung von im Schnitt 88 Jahren, Männer des gleichen Jahrgangs von mehr als 83 Jahren. Und die Lebenserwartung steigt sogar noch weiter, sowohl für Männer als für Frauen.

Angekommen ist diese Erkenntnis noch nicht. Das haben Zukunftsforscher des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) herausgefunden, als sie 2012 bundesweit 3.676 Menschen im Alter von 26 bis 60 Jahren dazu befragten, wie sie ihre eigene Lebenserwartung einschätzen. Das Ergebnis hat selbst die Wissenschaftler verblüfft: Frauen glauben, dass sie rund 80 Jahre alt werden. Und Männer rechnen mit etwas mehr als 75 Jahren. Dabei werden sie – über alle Altersgruppen gemittelt – als Frauen 87,42 und als Männer 82,17 Jahre alt. Bereits heute werden wir also sieben Jahre älter, als wir denken.

Dahinter steckt ein ebenso simpler wie verständlicher Denkfehler: Wer in seiner Jugend erfährt, dass er – statistisch gesehen – etwa 75 oder 80 Jahre alt werden wird, nimmt diese Werte als Richtschnur. Und übersieht dabei ein entscheidendes Detail: Diese Zahlen beziehen sich auf die Generation der Großeltern, der aktuell Alten. Wenn sie selbst alt geworden sein werden, können sich die Durchschnittswerte verschoben haben – und genau das passiert. Wer heute geboren wird, kann – wiederum im statistischen Durchschnitt – als Junge mit 87 Lebensjahren und als Mädchen sogar mit 91 Jahren rechnen.

Höchste Zeit umzudenken. Dass wir immer älter werden, liegt auch im medizinischen Fortschritt begründet. Wir sind einfach gesünder. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sind viele Menschen an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose gestorben. Heute können die einst lebensgefährlichen Infektionen gut mit Antibiotika behandelt werden. Hinzu kommt: Viele Erkrankungen, die früher zumindest die Lebensqualität stark eingeschränkt haben, hat die Medizin heute gut im Griff. Wer Verschleißschmerzen im Hüftgelenk spürt, ist nicht mehr dazu verdammt, den Rest seiner Tage auf dem Sofa zu sitzen. Er bekommt ein neues Hüftgelenk implantiert. Und weiter geht’s.
Außerdem hat sich der Lebensstil rasant verändert. Die meisten Berufe sind körperlich weniger belastend, weil mühsame Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Die hygienischen Bedingungen sind gut, das Wasser kommt, sauber, aus der Leitung. Wird es im Winter eisig, drehen wir einfach die Heizung hoch, das Essen gibt es bequem im Supermarkt. Und dann halten sich viele Menschen noch bewusst durch Sport körperlich fit.

Warum sollten diese Menschen sich zur Ruhe setzen, nur weil sie ins Rentenalter kommen? Mit 65 Jahren beginnt längst nicht mehr der Lebensabend, wie es früher melancholisch hieß, sondern ein neuer Lebensabschnitt. Das ist ein echtes Geschenk – wenn man die gewonnenen Jahre für sich als Chance erkennt.

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