Nein, der englische Begriff „Run-off“ lässt sich gerade nicht mit „weglaufen“
übersetzen: Er bedeutet lediglich, dass zu einem geschlossenen Bestand an Lebensversicherungen keine neuen Verträge mehr hinzukommen – die bestehenden Policen werden wie vereinbart fortgeführt.
Insbesondere behalten Kunden nicht nur ihren Anspruch auf die garantierten Leistungen, sondern auch auf die Beteiligung an entstehenden Überschüssen.
Das gilt auch, wenn ein solcher geschlossener Bestand verkauft wird. Wenn Kunden etwa einen für heutige Verhältnisse hohen Garantiezins von 3,5 Prozent haben, bekommen sie die entsprechende Summe ausgezahlt, sobald ihre Lebensversicherung fällig wird. Nur eben nicht mehr von der Arag, der Skandia oder Delta-Lloyd, sondern von den Gesellschaften, die deren Lebensversicherungen übernommen haben, zum Beispiel Frankfurter Leben, Viridium und Athene.

Verwaltung ohne Vertrieb

Diese drei Unternehmen verwalten zusammengenommen rund 1,8 Millionen Versicherungsverträge und sind damit die größten Konsolidierungsplattformen, die derzeit in Deutschland aktiv sind. Im Vergleich zu den 93 Millionen Lebensversicherungspolicen der Deutschen sind das nicht einmal zwei Prozent. Die Konsolidierungsunternehmen haben den Anspruch, Versicherungsbestände kostengünstiger verwalten zu können als Lebensversicherer mit Neugeschäft: Vertriebskosten für den Abschluss neuer Verträge fallen zum Beispiel nicht an. Damit bleibt für die Bestandskunden mehr vom Ertrag.
Und genau darauf beruht das Geschäftsmodell der Gesellschaften: keine Werbung, keine Akquise – nur Verwaltung. „Eine simple Grundidee“, erklärt etwa die Viridium-Gruppe, denn je mehr Verträge verwaltet werden, desto geringer sind die anteiligen Verwaltungskosten je Vertrag.

Ein überzeugendes Argument, findet beispielsweise die Arag, die ihre Bestände nach Genehmigung durch die Versicherungsaufsicht BaFin kürzlich übertragen hat. Vorstandschef Paul-Otto Faßbender sagt: „Der Verkauf der Arag Leben ist ein klares Zeichen unternehmerischer Vernunft und in einer Tiefzinsphase letztlich alternativlos.“
Doch einige Kunden sind irritiert. Gibt es negative Auswirkungen bei Service, Kosten und Ertrag, sollte ihre Police den Besitzer wechseln? Was in Großbritannien passiert ist, kann schließlich misstrauisch machen: Dort wurde das Geschäftsmodell der Konsolidierungsplattformen vor rund 20 Jahren erfunden. Die Aufkäufer warben damit, dass sie Prozesse effizienter gestalten und die Kostenersparnis teilweise an die Kunden weitergeben würden.
Doch als die britische Finanzaufsicht FCA im Jahr 2014 elf Unternehmen mit 9,4 Millionen Kunden überprüfte, fand sie viele Missstände. Einige Anbieter hatten ihre Kunden jahrelang nicht über den Stand ihrer Lebensversicherung informiert, andere Gebühren nicht ausgewiesen. Wer seine Versicherung kündigen oder beitragsfrei stellen wollte, wurde mitunter nicht über die wahren Kosten informiert. Oder es wurde eine überhöhte Inflationsrate zugrunde gelegt, um eine jährliche Gebührenanhebung zu rechtfertigen.

Versicherungsaufsicht passt auf

Das kann in Deutschland nicht passieren. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Sie hätten aus den britischen Erfahrungen gelernt, heißt es zum Beispiel bei den deutschen Gesellschaften. Man wolle das Vertrauen der Kunden nicht verlieren, erklärte Viridium-Chef Heinz-Peter Roß in einem Interview. Und Anja van Riesen, Vorstand bei der Frankfurter Leben, sagte, es sei selbstverständlich, dass die Arag-Verträge mit unveränderten Garantien, Konditionen und Bedingungen fortgeführt würden.
„Ein Verkauf ist kein Verrat am Kunden, sondern eine legitime unternehmerische Entscheidung“, stellt BaFin-Chef Felix Hufeld klar. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht entscheidet, ob ein Bestand übertragen werden darf oder nicht.
„Schlechter dürfen die betroffenen Kunden nicht gestellt werden, sonst würden wir die Übertragung nicht genehmigen“, so der BaFin-Chef in einem Interview. Jeder, der Bestände übernehmen wolle, müsse schließlich zunächst ein Lebensversicherungsunternehmen nach deutschem Recht gründen, führte Hufeld aus. Dazu gehöre die Ausstattung mit den gesetzlich vorgeschriebenen Mengen an Kapital, die Beschäftigung geeigneter Vorstände und die Beaufsichtigung des Geschäftsbetriebs durch die BaFin.
Je größer die Bestände, desto größer sind auch die Anforderungen an die übernehmende Gesellschaft. Die Kunden sollen schließlich immer auf der sicheren Seite bleiben. „Vertrauen ist zentral für die Lebensversicherung“, sagte GDV-Präsident Wolfgang Weiler jüngst im „Positionen“-Interview (LINK). Die Branche sei gefordert, so Weiler, „klarzustellen, dass durch die Übertragung von Beständen sich an den Rechten der Kunden nichts ändert“.
Mit anderen Worten: Für die Kunden bleibt alles beim Alten.